Carly hatte den würzigen Seewind immer noch in der Nase und das hohe braune Segel vor Augen, als sie nachmittags in der Küche vor ihrem Laptop saß und auf den Blog schrieb. Sie wollte ihre Gedanken sortieren und Orje, der mit Peer und Paul schon wieder sicher in Berlin gelandet war, auf den neuesten Stand bringen. „Erzähl mir alles über Herrn Schnug!“ hatte er beim Abschied gesagt. „Dieses Haus ist mir auch schon sympathisch. Man möchte, dass es in gute Hände kommt.“
„Schade, dass Papa es nicht behält“, sagte Peer. „Hier könnten wir tolle Ferien machen!“
Nach dem Bootsausflug hatte Carly ihnen das Haus gezeigt. Die Dachzimmer gefielen ihnen, die von Joram gezimmerte Garderobe, die hölzerne Gans und der Keller. Das Reetdach mit den Windbrettern und die geschnitzte Haustür. Es hörte sich so richtig an, als ihre Schritte über die Treppe tobten und ihre noch kindlichen Stimmen um die Ecken hallten. Als wären sie immer schon hier gewesen. Carly sah förmlich vor sich, wie Henny mit ihnen Kerzen bastelte, wie Joram im Keller das Treibholz mit ihnen sortierte.
„Wir können ja nochmal mit ihm reden!“ meinte Paul hoffnungsvoll.
„Oder wir bleiben und vergraulen den Herrn Schnug“, schlug Peer vor.
Orje zog ihn am Ohr. „Dann kommt ein anderer“, sagte er. „An eurer Stelle würde ich den Ball flach halten nach eurem ungenehmigten Ausflug.“
Aber Carly wusste, sie würden es trotzdem versuchen. Viel Glück, dachte sie, und schämte sich ein wenig dabei.
„Denn diesen Gedanken des Vergraulens hatte ich auch“, schrieb sie in den Blog. Eigentlich hätte sie alles andere tun sollen als hier am offenen Fenster sitzen und ihren Gedanken nachhängen.
„Das wird selbstverständlich noch entsorgt“, hatte sie mit aufgesetzter Souveränität zu Herrn Schnug gesagt, als er angesichts der Papierstapel auf dem Schreibtisch zusammengezuckt war. „Ich musste mich zuerst um dringendere Angelegenheiten kümmern.“
Wie der Schreibtisch wirklich aussah, wusste sie immer noch nicht, es war ja kein Quadratzentimeter frei.
„Wenn der Herr Schnug so gewesen wäre, wie ich ihn mir vorstellte – hochnäsig und steif, Porschefahrer im Lacoste-Shirt, dann hätte ich diesem kindischen Ich vielleicht nachgegeben“, schrieb Carly. „Aber er fuhr einen alten Käfer. Er hatte nette Augen und dieses Lächeln. Und zu allem Überfluss kam er mit einem Dahlienstrauß.“
Orje zuliebe unterschlug sie die Tatsache, dass Herr Schnug ihren Dank für den wirklich schönen Strauß zurückgewiesen hatte. „Den Auftrag, Ihnen diese Blumen zu überreichen, gab mir Herr Sjöberg, als wir uns auf dem Flughafen kennenlernten“, erklärte er.
Entwaffnet steckte Carly ihre Nase in die Blüten, damit er ihre Verlegenheit nicht sah. „Verflixt, Thore!“ dachte sie. Er wusste, dass sie Dahlien mochte. Vielleicht hatte er einfach nur nett sein wollen, aber ebenso wahrscheinlich war es, dass er ahnte, wie ihr zumute war, und das Schnug-Vergraulen geschickt verhindern wollte.
Am Ende lag es aber nicht an dem Strauß, dass sie Herrn Schnug nicht nur bereitwillig herumführte sondern ihm auch einen von Daniels besten Tees servierte.
„Er war so offen und so hin-und hergerisssen“, schrieb Carly. „Das Haus gefiel ihm, aber es ist zu klein. Er stand in der Stube und stieß sich fast den Kopf an der Decke, hatte eigentlich kaum Platz, sich zu bewegen. Er meinte, er bräuchte ein großes Büro. Und erzählte, seine Frau hätte Möbel geerbt, die sie hier gerne unterbringen würde.“
„Schade“, hatte er gesagt und sich anerkennend umgesehen. „Hier sind wundervolle Möbel. Aber die könnte ich leider nicht übernehmen.“
„Es gibt wahrscheinlich bereits einen Interessenten dafür“, beruhigte Carly ihn widerstrebend. „Eine Galerie im Ort. Der Künstler hat sich hier einen Namen gemacht.“ Sie brachte es nicht fertig, von Joram in der Vergangenheitsform zu sprechen. Wenn er noch lebte… außerdem war er so anwesend. Carly war sich sicher, dass er lauschte, irgendwo aus den Schatten unter dem Dach, prüfend ob der Herr Schnug des Hauses würdig wäre: ob er wohnen konnte. „Wohnen ist eine Tätigkeit“, hatte Joram an Henny geschrieben. Seit sie Naurulokki liebgewonnen hatte, gab Carly ihm Recht. Vor lauter Wohnen war sie kaum zum Arbeiten gekommen.
Zum Glück schien der Herr Schnug nicht pingelig und wirkte obendrein so, als verstehe er tatsächlich zu wohnen. Allerdings wahrscheinlich nicht hier. Er war zu groß und zu bewegungsfreudig. Im Gegensatz zu Thores filigranen Gesten waren die des Herrn Schnug ausladend. Sie benötigten Raum, ebenso wie seine Stimme, die vernehmlich gegen die Wände stieß.
„Ich hoffe, Professor Sjöberg findet bald einen Käufer für dieses wunderschöne Anwesen“, sagte er zum Abschied und schüttelte ihr die Hand schmerzhaft nachdrücklich. „Vielen Dank für den Tee – wo, sagten Sie, ist dieser Laden?“
Carly gab ihm Daniels Karte.
Den Strauß ordnete sie in der unregelmäßigen Vase mit dem geheimnisvollen Kormoranzeichen an und überlegte, wer wohl demnächst sein Leben lang Sträuße in den Flur von Naurulokki stellen würde.
„Wer auch immer es sein wird, ich hoffe, sie sind so nett wie der Herr Schnug und haben ein Gefühl für schöne Plätze, für Häuser – für dieses Haus. Und ich wünsche mir, dass Jorams Möbel bleiben dürfen“, schrieb sie in ihr Blog.
„Das hoffe ich auch“, kommentierte Orje dort wenige Minuten später. „In dem Haus ist irgendwie – Musik. Stille Musik. Es spricht mich auch an. Aber ich denke, du kannst zuversichtlich sein. Solche besonderen Orte ziehen meist nur diejenigen Menschen an, die das auch spüren und zu schätzen wissen. Bis dahin genieße es einfach. Du hast ja noch ein paar Wochen Zeit.“
Carly schaltete den Laptop aus. Genau. Da war noch Zeit. Darum würde sie auch erst morgen das Gebirge auf dem Schreibtisch in Angriff nehmen. Es war ein langer Tag gewesen, ein Tag voller Stimmen. Orje, Jakob, Anna-Lisa und die Jungs. Herr Schnug. Aus den Schatten, unhörbar gegenwärtig, Joram.
Hatte nicht der Herr Schnug vorhin kritisch die welken Rosen betrachtet, Hennys weiße Rosen, die an der Loggia rankten und am Tor? Sie würde dem Abend Gesellschaft im Garten leisten und sich darum kümmern. Das gehörte schließlich auch zu ihren Aufgaben. Neben dem Fenster hing eine Gartenschere, dort, wo man von außen durch das offene Fenster nach ihr greifen konnte, wenn man sie eben mal brauchte und nicht extra ins Haus gehen wollte. Genau dort hätte Carly sie auch hingehängt. „Ach Henny“, dachte sie, „wir hätten uns bestimmt gut verstanden.“ Sie vermisste Teresa so sehr. Mit ihr hätte sie wunderbar über ihre Gefühle für Naurulokki, für Henny und Joram reden können. Teresa hatte so etwas immer ohne viele Erklärungen begriffen, hatte Geschichten daraus gesponnen, und dann gewann alles eine Leichtigkeit und eine neue Perspektive.
In der Dämmerung leuchteten die gefallenen Blütenblätter auf dem von Orje gemähten Gras, zeigten an, wo es verwelkte Köpfe abzuschneiden gab. Carly dachte an Abraham Darby und ob Orje vielleicht gerade dabei war, ihn zu gießen.
Außer Abraham vermisste sie nichts an Berlin.
Oben am Hang schnitt sie auch noch den verwelkten Schmetterlingsflieder, zog ein paar vertrocknete Vergissmeinnichtpflanzen aus dem Boden, richtete umgefallene Astern auf. Tau glitzerte auf einmal, ihre Socken wurden feucht. Es duftete nach Heidekraut, Kiefern und Meer. Im Wind trieben gedämpft die Rufe verschlafener Möwen. Drüben schimmerte Licht in Jakobs Fenstern. Durch die offene Haustür Naurulokkis sah sie unter der Lampe im Flur als Schattenriss den Dahlienstrauß in der bauchigen Vase stehen. Niemand wollte in diesem Augenblick etwas von ihr. Die Vergangenheit und die Zukunft schliefen schweigend irgendwo hinter dem dunklen Horizont, streuten ausnahmsweise kein Bild in ihre Gedanken. Unten am Tor stieg Nebel aus der Senke auf, verwischte die weißleuchtenden Sterndolden der wilden Möhre. Hätte jemand Carly und die Zeit genau in diesem Moment eigefroren, hätte sie nicht dagegen einzuwenden gehabt. Sie stellte sich das als ein Bild vor, gemalt von Henny und unverrückbar aufgehängt unter dem sturmfesten Reetdach.
An nächsten Morgen schließlich setzte sie sich vorsichtig auf den altersschwachen Stuhl in dem winzigen Büro, der ganz bestimmt nicht von Joram gemacht worden war, und betrachtete die Papierstapel auf dem Schreibtisch. Der nahm den halben Raum ein. „Am besten einfach anfangen“, sagte sie sich. Sie hatte eine Sperrmülltüte mitgenommen und verbrachte die nächsten zwei Stunden damit, Werbung darin zu versenken, alte Zeitungen, gebrauchte Briefumschläge. Einige Mahnungen über unbezahlte Bücher und Blumenerde sowie eine Wassernachzahlung steckte sie in ein Kuvert, das sie gleich an Thore adressierte. Besser, das nicht noch länger liegen zu lassen.
Als sie einem Stapel Abrechnungen in einen leeren Ordner heftete, fiel ein Bündel Weihnachtskarten von der Tischecke und mit ihnen eine kleine hölzerne Schachtel. Sie war eindeutig von Joram geschnitzt. Auf dem Deckel befand sich ein Astloch, das deutlich schon einem Gesicht mit einem Augenzwinkern geähnelt hatte, ehe Joram mit ein paar einfachen Schnitten eine Weihnachtsmannmütze ergänzt hatte.
Carly strich über das Holz, lächelte über das Augenzwinkern und öffnete den Deckel. In der Schachtel befand sich feiner Sand – und natürlich ein Zettel von Joram.
„Das ist Reservesand für den Weihnachtsmann, wenn es am Nordpol so glatt ist, dass die Rentiere nicht richtig rennen und starten können. Der geht aber auch als Schlafsand, damit du weihnachtlich träumen kannst. Einen frohen vierten Advent, Fortsetzung folgt, Joram.“
Carly stellte die Schachtel nebenan in das fast leere Bücherregal. Nach einer weiteren halben Stunde Post sortieren schmunzelte sie immer noch vor sich hin. Der Sand für den Weihnachtsmann hatte ihre Konzentration völlig aufgelöst. Sie dachte an Joram, an Rentiere, dann an Träume, und plötzlich wurde ihr erst wirklich klar, dass sie am Vortag tatsächlich auf einem Boot unterwegs gewesen war. Die Tage davor war sie mehrmals am Strand gewesen. Gestern war sie mit den anderen auf den Wellen und dem Wind geflogen. Sie war weit gekommen in den wenigen Tagen hier, auch wenn sie noch nicht schwimmen gewesen war. Dafür war noch Zeit. Auf einmal fühlte sie sich leicht: voller Triumph und Verblüffung über sich selbst, Dankbarkeit gegenüber Jakob und Orje und Thore, die ihr das alles ermöglicht hatten, und Glück über ihre neue Freiheit. Es hielt sie nicht mehr im Zimmer. Jorams rennende Rentiere weckten in ihr den Wunsch, zu laufen.
Der Übermut ließ sie wieder einmal ihre Schuhe vergessen. Aber wozu Schuhe, wenn es so warm war. Inzwischen war es Mittag, einer dieser windstillen Spätsommertage, die trotzig noch einmal alle Hitze des Sommers versammeln. Sie lief die Straße hinunter, rannte nun tatsächlich, weil der Asphalt so heiß war und dann wieder, weil das Rennen zu ihrer Stimmung passte. Es war so viel passiert; sie musste sich selbst einholen.
Der kleine Übergang zum Strand war fast versperrt, so viele Fahrräder waren dort abgestellt. Es würde unschön voll sein da unten, bei diesem Wetter, um diese Tageszeit. Carly bog nach rechts ab auf den grünen Weg unten am Deich entlang, der eingerahmt war von Sanddornbüschen, die schwer an ihren reifen Beeren trugen. Es duftete nach ihnen, und nach Sonnenwärme auf Kiefern. Hier lief es sich angenehm, auf Gras und gefallenen Kiefernnadeln. Sie rannte weiter, weil es sich gut anfühlte und hier niemand war, der sie sah. Erst als sie außer Atem war, verließ sie den Weg, lief die Düne hinauf durch ein Birkenwäldchen und entdeckte oben eine sandige Kuhle zwischen blühenden Heckenrosen. Was für ein wunderbarer Platz zum Ausruhen. Schnaufend ließ sie sich bäuchlings hineinfallen.
Direkt vor ihren Augen schwankten zwei Löwenzahnblüten im Wind.
Zwei knallgelbe Punkte nebeneinander im gleißenden Mittagslicht, genau vor dem silberdunstigen Horizont.
Von einem Atemzug zum anderen waren über zwei Jahrzehnte ausgelöscht. Carly war wieder sechs Jahre alt, lag an einem heißen, windstillen Tag bäuchlings im Sand und beobachtete zwei gelbe Punkte, die sich auf den dunstigen blauen Streifen zubewegten, an dem sich Himmel und Meer trafen. Es musste wunderschön sein dort, vielleicht konnte man vom Wasser aus direkt ein Stück in den Himmel fahren.
„Bring mir einen Seestern mit, so einen ganz großen!“ hatte Ralph den Vater beauftragt.
„Mir auch einen Stern!“ hatte Carly eilig angefügt. Für sie waren Seesterne die Samen von den Sternen, die vom Himmel fielen wie die Nüsse zuhause vom Baum. Dass sie nicht leuchteten war ja klar, diese Sterne waren ja noch klein. Logisch fand Carly auch, dass man genau dort, wo man vom Meer in den Himmel fahren konnte die meisten davon finden würde.
„Mensch, Carly“, lachte Ralph, „Mama und Vater fahren doch nur bis zu der Insel dahinten, dort soll es ganz große Seesterne geben.“
„In zwei Stunden sind wir wieder da. Naja, vielleicht auch in drei.“ Vater stand im Wasser. Obwohl Carly eigentlich schon zu groß dafür war, schwangen Tante Alissa und Mama sie an den Händen hin und her. „Flieg, Fischchen“ sagte Vater und Carly wurde losgelassen und flog direkt in seine Arme. Er drehte sich mit ihr einmal im Kreis, so dass ihre Zehen das Wasser aufspritzen ließen und sich für einen Augenblick ein Ring silberner Tropfen um sie beide erhob. Dann stellte er sie am Strand ab. „Wir müssen los, Katja“, sagte er. „Sonst müssen wir die Kajaks noch eine Stunde länger bezahlen. Danke, dass du auf die Kinder aufpasst, Alissa.“
„Sehr gerne, Felix, das weißt du doch!“ Tante Alissa strahlte Vater immer an, wie sie sonst niemanden anstrahlte. Sie war meistens ernst, aber wenn Vater da war, war sie anders, irgendwie heller und leichter.
Die schmalen gelben Boote, in die immer nur ein Mensch hineinpasste, lagen bereit. Vater hatte sie von Fred geliehen, der nicht nur Boote verlieh sondern auch leckeres Bananeneis verkaufte, das seine Frau machte.
„Zieh die Schwimmweste an!“
„Du weißt doch, dass ich die Dinger nicht mag.“
„Und du weißt, dass man sie trotzdem anzieht. Auch du“, lachte Vater und küsste sie.
Fred kam dazu, sah auch nochmal nach ob die Schwimmwesten richtig saßen und gab dann den beiden Booten einen ordentlichen Schubs aufs Wasser hinaus. „Für Ralph und Carly hatte er ein Bananeneis mitgebracht.
Weil die Boote so gelb waren und die Schwimmwesten auch, konnte man sie immer noch als Punkte im Blau sehen, als das Eis alle war.
„Sie müssen an der Insel vorbei fahren und landen auf der Rückseite, vorne ist kein Strand. Da wachsen nur Mangrovenbäume“, erklärte Tante Alissa.
Schließlich wurden die Punkte so klein, dass sie in dem Blau verschwanden. „Jetzt haben sie den Himmel und die Sterne gefunden“, meinte Carly zufrieden.
Ralph schüttelte nur den Kopf über seine kleine Schwester. „Tante Alissa, hilfst du mir die Luftmatratze aufblasen?“
Es dauerte, bis sie mit der kleinen Plastikpumpe genug Luft in die Matratze bekamen. Dann schipperten Ralph und Carly lange darauf herum, während Tante Alissa am Ufer nach Muscheln suchte und dabei aufpasste, dass sie nicht zu weit abtrieben. Als sie müde waren, gingen sie rauf ins Hotel, tranken Limonade und aßen Donuts. Tante Alissa verteilte sorgfältig neue Sonnencreme auf ihnen beiden. „Ich kann das doch alleine!“ wehrte sich Ralph. „Lass uns wieder runtergehen, sie müssen bald zurück sein. Ich will sehen, wie viele Seesterne sie mitgebracht haben!“
Das Licht draußen war weicher geworden, die Sonne stand tiefer, auch wenn die Tage lang waren und sie noch lange nicht untergehen würde. Die Möwen und Pelikane, die vorhin in der brütenden Mittagshitze geschlafen hatten, waren munter geworden und jagten nach Fischen. Am Strand waren wieder mehr Touristen. Am Horizont war nur ein Segelboot zu sehen. Carly fing an, eine Sandburg zu bauen. Nach einer Weile kam Fred, diskutierte mit Tante Alissa, tippte auf seine Armbanduhr und ging wieder.
„Dann müssen sie wohl doch noch eine Stunde bezahlen“, meinte Tante Alissa. „Typisch Katja, sie kann einfach nicht pünktlich sein.“
Carly buddelte einen Graben um ihre Sandburg und füllte mit ihrem kleinen Eimer Wasser hinein. Wenn ihre Eltern noch nicht mit den Sternen kamen konnte sie Ralph vielleicht überreden, ihr einen Krebs für den Graben zu fangen. Als Burgungeheuer, sozusagen. Ein Burggespenst war ja schwer zu fangen, besonders bei Sonnenschein.
Aber Ralph war nicht in der Stimmung und auch Tante Alissa sah noch ernster aus als sonst. Sie starrten nur noch auf den Horizont. Fred kam wieder, mit Sorgenfalten auf der Stirn und noch einem Bananeneis für die Kinder. Carly wunderte sich. Zwei Eis an einem Tag, das hatte es noch nie gegeben. Vielleicht war Fred ein bisschen vergesslich. Während sie das Eis schleckten, starrte Fred auch auf den Horizont, diesmal mit einem riesigen Fernglas, das Carly gar nicht gefiel. Es war schwarz und bedrohlich. Ralph konnte es kaum halten, als er auch hindurchsehen wollte. Den Rest vom Eis hatte er in den Sand fallen lassen. Nach einem weiteren Wortwechsel und erneutem Tippen auf die Uhr sprach Fred in eine Art Telefon mit einer Antenne, das knisterte und knackte. Er sagte etwas von „Küstenwache“.
Tante Alissa setzte sich zu Carly und half ihr, die Burg mit Muscheln zu dekorieren, aber ihre Stimme war seltsam hoch und ihre Hand zitterte.
„Ich will dass Mama kommt!“ sagte Carly.
„Es kann sein, dass sie erst morgen kommen. Vielleicht wollen sie auf der Insel übernachten. Das wäre doch ein tolles Abenteuer“, sagte Tante Alissa mit dieser ungewohnten Stimme. „Auf jeden Fall wird es spät. Ich werde dich jetzt ins Bett bringen.“ Inzwischen stand die Sonne schon tief und rot über dem Horizont. Am Himmel knatterte ein Hubschrauber, und draußen waren Boote mit grellen Lichtern unterwegs.
Das Burggespenst war jetzt doch da. Es saß irgendwo klein und hart und kalt in Carlys Magen und flüsterte ihr zu, dass die beiden winzigen gelben Punkte, die mit ihren Eltern im Blau verschwunden waren, nicht wieder größer werden und näherkommen würden. Heute nicht und morgen nicht.
Sie aß nie wieder etwas, das nach Bananen schmeckte.
Oh, welch aufregendes Kapitel… Das hast Du aber superspannend erzählt und wie schön, dass es weitergeht!
Ich kann gut verstehen, dass Charly danach nicht bananiges mehr essen mochte – dabei mag ich Bananangeschmack selbst auch sehr gerne…
Ich bin sehr gespannt, wie’s weitergeht!
Was für eine Freude, mein Wunsch ging innerhalb von wenigen Stunden in Erfüllung – das neue Kapitel war da… Und nun wissen wir, warum Löwenzahn und Bananen manchmal auf traurige Art zusammen gehören… Ich bin wieder so gespannt aufs Weiter!
Liebe Grüße an Dich!
Patricia
Wieder gern gelesen!
Das Kapitel hat es in sich, Patricia, besonders die letzten Zeilen!
Gut, dass das Haus nicht gleich an Herrn Schnug ging!
..grüßt dich Monika herzlich
P.S.: Korrekturanmerkung in Abschnitt 5 ….die vom Himmel fielen wie die Nüsse zuhause vom Baum. => muss heißen: zu Hause
Hallo Monika, danke fürs Lesen! freu mich.
Was die Korrektur angeht, sieh mal hier, ich verstehen das so, dass beides geht…?
Liebe Grüße, Patricia
Für mich liest es sich so, dass es zusammen und kleingeschrieben als “zuhause” nur in Österreich und der Schweiz gilt.
Ich kenne das Wort “Zuhause” nur wenn ein Artikel vorangestellt werden kann. Sonst gilt “zu Hause”.
Sorry, ich wollte dich nicht verwirren damit. Das würde ich dann erfahrere Menschen (Lektoren) beurteilen lassen.
..grüßt dich Monika
Ein sehr stimmiges, ruhig erzähltes Kapitel, dass trotzdem voller Spannung und Unausgesprochenem ist. Eines der schönsten Kapitel.
LG von Rosie
Lieben Dank!
Gefällt mir ebenfalls. Diese Rückblende/Erinnerung mit gleichzeitig dramatischem Ergebnis … das, was der Leser die ganze Zeit schon wissen möchte, ist Dir gelungen.
Mich würde interessieren, wo das seinerzeit passierte.
Pelikane, Seesterne – wäre vielleicht für viele wichtig, in dem Moment einen Anhaltspunkt zu bekommen. Nicht dass jemand auf die Idee kommt und denkt das wäre in der Nordsee geschehen.
Mir fällt aufAnhieb die Milch von Aldi ein …
Stimmt, das sollte ich noch einbauen, danke!