16. Schritte auf der Brücke

„Ich muss nach Hause, Kunden anrufen und Papierkram machen. Und Anna-Lisa sollte ins Bett.“ Jakob sah sich um. „Hab ich irgendwas vergessen?“
„Deinen Brotkorb“, meinte Synne, drückte ihn ihm in die Hand.
„Wenn wir noch was finden, bring ich’s morgen rüber. Danke für den tollen Hecht und den wunderschönen Abend!“ Carly umarmte ihn spontan. Jakob hielt sie einen Moment fest.
„Ich muss auch los.“ Daniel zog seine Jacke an. „Synne, soll ich dich mitnehmen?“
Orje beobachtete Carly und Jakob, lauschte aber gespannt auf Synnes Antwort.
„Nein, Carly will mir noch die Bilder zeigen.“
„Stimmt. Tschüß, Jakob, Anna-Lisa, Daniel. Komm, Synne. Aber sei nicht enttäuscht, es sind nicht viele.“
„Und wenn es nur eins wäre, wäre ich nicht enttäuscht. Aber – sie hat doch immerzu gemalt und wenig verkauft. Es müssten eine Menge Bilder da sein!“
„Der Briefträger sagte auch, sie hätte fast jeden Tag gemalt. Glaubst du, sie hat sie irgendwo ausgelagert?“
„Kann ich mir schwer vorstellen. Oh, wie schön!“ Synne hatte die Leuchtturmszene auf halber Treppe entdeckt.
Sie dort wieder wegzubekommen erwies sich als schwierig. Orje war es schließlich, der sie weiter zu den Schwalben im Gästezimmer lockte, ihr dann die Naurulokki-Bilder in Hennys Zimmer und schließlich die verschiedenen Möwenportraits, Strand-, Wald- und Wiesenszenen im Erdgeschoss zeigte.
„Selbst wenn ich mir eins leisten könnte, ich wüsste nicht, für welches ich mich entscheiden sollte!“ sagte Synne erschüttert. „Gut, dass nicht noch mehr da sind!“
Carly musste lachen. „Wenn du mir eine Liste machst, was für einen Wert sie haben, und ich Thore erzähle wie sehr du damit geholfen hast, macht er dir bestimmt einen Sonderpreis oder schenkt dir eins.“
„Meinst du wirklich?“ Synne drehte ein paar aufgeregte Tanzschritte. Orje betrachtete sie bewundernd. „Dann frage ich gleich Montag Elisa, wann sie kommt und die Bilder schätzt! Und jetzt lasse ich euch in Ruhe.“
„Ich bringe dich nach Hause“, bot Orje an. „Ich brauch noch Bewegung und mehr von der schönen Ostseeluft.“
Carly dachte daran, wie oft er heute schon auf die Leiter gestiegen war, von dem Spaziergang zum Strand, der Kistenschlepperei, dem Rasenmähen und dem Tanzen ganz abgesehen.
„Der Hecht hatte ja auch so viele Kalorien“ meinte sie ernst.
Orje ignorierte sie, hielt Synne höflich die Tür auf. Carly hörte, wie das Treibholzgartentor hinter ihnen zufiel.
Wie sie sich schon an dieses Geräusch gewöhnt hatte! Sie ertappte sich bei dem Gedanken, dass sie es gern den Rest ihres Lebens gehört hätte: Menschen, die täglich kamen und gingen und das hölzerne Tor, dass sie willkommen hieß und freundlich verabschiedete.

So sehr sie den geselligen Abend genossen hatte, so angenehm war jetzt die plötzliche Stille. Carly räumte in der Küche auf, nahm dann ihren Laptop mit in den Sessel in der Bibliothek unter die gemütliche Schmetterlingslampe.
„Ich war am Meer! Mit dem Tageslicht. Und was für ein Licht! Ohne Orje hätte ich das nicht geschafft. Seit heute früh ist alles anders. Für mich ist die Welt viel größer geworden. Keine schwarzen Flecken mehr auf meiner Landkarte. In Zukunft muss ich keine Küste mehr vermeiden. Irgendwie war es vorher, als könnte der Boden zerbröseln, auseinanderfallen, wenn ich dem Meer zu nahe komme und mit ihm den Erinnerungen. Seit dem Sonnenaufgang am Strand ist alles in Bewegung gekommen, ist flüssig, leicht um mich herum. Es macht mir immer noch Angst, aber es ist auch ein wildes Glück, ein Triumph, eine Neugier, die überallhin will. Ich möchte auf ein Boot, ich möchte sogar schwimmen gehen, aber das geht noch nicht, das ist zuviel.
Jetzt muss ich mich auch erst um Naurulokki kümmern. Übermorgen kommt der Interessent, und es graut mir schon davor, einem Fremden das Haus anpreisen zu müssen. Auch wenn ich hier nur Gast bin, aber diesen Moment der ersten Begegnung mit dem Meer, mit den Stimmen meiner Eltern, das werde ich für immer mit Naurulokki und diesem Land hier in Verbindung bringen. In seinem Namen wird mich das Meer für immer an dieses Haus und seine Geschichten, an Henny und ihre Bilder, an Joram und seine Westentaschenharke erinnern und an das verlorene Lachen von Valli, das in Anna-Lisa lebendig ist.“
Draußen schwieg eine inzwischen windstille Nacht. Das schläfrige Rauschen der Wellen klang nicht mehr so fern wie noch gestern. Die Sommersternbilder leuchteten klar: Schwan, Adler und Drache flogen über dem Haupt des Herkules. Das Sommerdreieck war vollständig, ungetrübt von Wolken: Deneb, Wega und Atair standen hell über dem First von Naurulokki.

Carly hinterließ eine Flasche Wasser, einen Apfel und eine Schachtel Kekse in Orjes Zelt, das noch immer leer war.
Sie war froh, dass Synne ihm gefiel. Wie sehr sie Orjes unausgesprochene Hoffnungen mit der Zeit belastet hatten, bemerkte sie erst jetzt. Anscheinend hatte sie Tante Alissas Gewohnheit, Probleme unter den Teppich zu kehren, direkt übernommen. Es war ja auch so praktisch.
Als Freund aber war er unverzichtbar.

Mit dem ersten Licht wachte sie auf, wünschte den Schwalben auf dem Bild einen guten Morgen und schlüpfte eilig in das Kleid von gestern.
Der Reißverschluss von Orjes Zelt war geschlossen. Dahinter klang ein leises Schnarchen.
Sie war schon fast am Deich, als sie bemerkte, dass sie ihre Schuhe wieder einmal vergessen hatte. Aber was machte das hier! Dieser Erde konnte sie gar nicht nahe genug sein, und hier war sie sauber. Es türmten sich keine Hundehaufen, keine Zigarettenkippen, keine leeren Dosen oder kaputten Bierflaschen.
Nicht einmal ihre Angst lag ihr mehr im Weg.
Ein Dunstschleier füllte den Morgen, verwischte den Übergang zwischen Himmel und Meer und zauberte ein weiches Licht, das die Landschaft Hennys Bildern ähnlich machte. Carly lief am Flutsaum entlang, fing an zu rennen, immer noch mit einem inneren Beben, von dem sie nicht wusste wie viel davon Angst war und wie viel Glück. Silbern stob das Wasser unter ihren Schritten auf.

Orje deckte auf der Terrasse den Frühstückstisch, als sie sich durch das Treibholztor einließ. Zufrieden betrachtete er den nassen Saum ihres Kleides.
„Hier, hab ich dir mitgebracht.“ Sie steckte ihm etwas in die Tasche seines Hemdes: keine Harke, sondern eine große weiße Muschel, die einen Streifen in den Farben des gestrigen Sonnenaufgangs trug.
„Danke!“
„Nein. Ich wollte dir danke sage. Du hast mir das Meer geschenkt – und noch so einiges andere.“
Er sah ihr in die Augen. „Und dank dir habe ich Synne kennengelernt. Wir haben bis zum Morgen geredet. Ich weiß nicht, was daraus wird, aber etwas ist – anders. Neu.“
„Du glaubst nicht, wie mich das freut.“
„Und Jakob?“ fragte Orje.
Carly dachte an den leisen Donner in Jakobs Stimme, dem sie ewig zuhören konnte, und daran, wie richtig sich seine Mütze auf ihrem Kopf anfühlte.
„Vielleicht“, sagte sie.
„Sagte Oma Jule nicht, am Meer findet man mehr, als man denkt?“
Sie hielten sich eine Weile fest. Es war ein Abschied und ein Neuanfang.
„Lass uns frühstücken“, sagte Orje schließlich etwas heiser. „Und zieh dir vorher etwas Trockenes an!“
„Du wirst wohl nie aufhören, auf mich aufzupassen, was?“
„Worauf du dich verlassen kannst!“
Sie lief zurück und gab ihm einen Kuss. Jetzt konnte sie es. „Dem Himmel sei Dank!“

Die Meeresluft machte erstaunlichen Appetit. Gerade wollte sie in ihr Brot mit der duftenden Sanddornmarmelade beißen, die Daniel ihr mitgebracht hatte, als in der Küche ihr Handy klingelte. Hastig angelte sie durch das Fenster danach. Vielleicht meldete sich Thore endlich! Sie wollte ihm so dringend erzählen, dass sie am Meer gewesen war.
Ohne ihn wäre sie nie hierher gekommen. Unvorstellbar!
Doch als sie die Stimme hörte, verschluckte sie sich.
„Tante Alissa!“
Carly schnitt eine verzweifelte Grimasse. Orje betrachtete sie interessiert. „wie geht es dir… prima …ja, ich weiß dass der Empfang schlecht ist! Nein, nicht mir ist schlecht, es geht mir wunderbar, der Empfang ist schlecht…die Hinterhöfe, du weißt doch… bei Orje im Hof, ja…“ Carly gestikulierte wild, zeigte auf Friederike und machte Kurbelbewegungen.
Orje verschluckte ein Lachen und tat ihr den Gefallen, spielte ein Bruchstück „Berliner Luft“.
„Hörst du, Orje und Friederike grüßen dich…ja, ich weiß, die Luft bei dir auf dem Berg ist besser als die Berliner. Genieße sie…ich melde mich…tschüß, Tante Alissa!“
Carlys Appetit war vergangen. Bekümmert betrachtete sie das Marmeladenbrot. „Ich konnte es ihr nicht sagen. Nicht so am Telefon. Sie würde keine Nacht schlafen bevor sie mich nicht wieder in Berlin wüsste.“
„Ich denke, im Moment hast du das Richtige getan. Iß dein Brot.“
„Ich habe sie angelogen.“
„Das ist eine sogenannte weiße Lüge. Im Moment besser für alle Beteiligten. Wenn du zurück bist und sie dich gesund vor sich sieht kannst du eine Beichte ablegen. Jetzt kümmerst du dich erst um deinen Job, und um dich selbst. Wir haben nämlich was vor. Lektion zwei.“
„Lektion zwei?“ Carly war in Gedanken noch bei Tante Alissa.
„Wir gehen auf die Seebrücke. In Zingst. Ich spiele dort heute anlässlich des Seebrückenfestes, deswegen bin ich doch hier.“
„Die Seebrücke?“
„Eine Seebrücke ist kein Boot. Sie schwankt nicht, du kannst nicht herausfallen und nicht untergehen und bist doch auf See, weit über dem Wasser. Die in Zingst ist 270 Meter lang, aber wir gehen nur so weit wie du möchtest. Und dann noch drei Meter mehr.“
„Okay. Seebrücke. Wenn du meinst.“ Carly hatte Zweifel. Sie konnte sich nicht wirklich etwas darunter vorstellen. „Wo führt sie hin?“
„Zu gar nichts. Man nähert sich ein Stück dem Horizont, verlässt ein Stück den Strand. Man flaniert. Und dann kehrt man wieder um. Man kann auch eines der Schiffe besteigen, die dort anlegen. Aber heute fährt keins.“
„Eine Brücke, die nirgends hinführt? So was bauen Menschen? Klingt angenehm verrückt.“
„Naja. Für manche ist es nur ein Platz zum Anlegen. Für andere ein Weg zu Träumen, zu einer Pause vom Alltag, zum Himmel, ohne fliegen zu müssen. Zu einem unverstellten Blick, zu Weite und Wellen ohne seekrank zu werden. Und für wieder andere einfach nur ein Platz, um Souvenirs zu verkaufen.“
„Und für dich?“
„Ich – ich werfe dort meine Musik in den Wind und die Träume der Brückenläufer und frage mich, wo sie wohl landet.“
„Hört sich gut an.“
„Dann mach dich fertig. Ich lade schon mal Friederike ins Auto.“

Als Carly das Tor hinter sich schloss, saß Anna-Lisa schon auf dem Rücksitz.
„Wir nehmen Anna-Lisa mit, Jakob hat es erlaubt“ sagte Orje.
„Fein!“
Auf dem Weg nach Zingst staunte Carly über die Vielfalt der Landschaft auf dieser schmalen Halbinsel. Sie fuhren durch einen regelrechten Urwald, passierte wunderschöne Wiesen und erhaschten Blicke auf kleine Häfen. Hier gab es viel zu entdecken. Alles sprach sie merkwürdig an, als hätte es ihr etwas dringendes zu sagen.
Orje fing plötzlich an zu singen. „My Bonnie is over the Ocean…“ Carly sah im Rückspiegel, wie Anna-Lisa ihm einen bewundernden Blick zuwarf und mit einstimmte. Auf einmal fühlte sie sich leicht. Seit Orje hier war, bemerkte sie erst richtig, dass es Sommer war, Ferienzeit. Ferienstimmung. Tante Alissa und die Teppichfragen nahmen nicht mehr allen Platz ein.
Orje hielt an einem Parkplatz, mitten in einem belebten Ort.
„Gut, dass wir so früh sind“, sagte er. „Später hast du hier keine Chance! Wir lassen Friederike erst mal im Auto, gehen auf die Seebrücke, essen was, und dann such ich mir einen Platz zum Spielen.“
So lang hatte Carly sich die Seebrücke nicht vorgestellt. Zweihundertsiebzig Meter klingt nicht viel, wenn man es als Zahl hört. Aber wenn es ein Weg ist, unter dem sich nur Luft und bewegtes Wasser befinden, vor dem man sich bis gestern noch zutiefst gefürchtet hat, scheint es der Anfang der Unendlichkeit.
Schnurgerade führte dieser zerbrechliche hölzerne Weg zum Horizont, wies unerbittlich darauf wie ein langer Finger. Am Ende lag der Himmel.
Zwischen den Planken sah Carly bei jedem Schritt den Abgrund und das Meer.
„Sieh nicht nach unten! Guck nach vorne!“ sagte Orje, nahm sie bei der Hand. Anna-Lisa war fröhlich vorausgelaufen, ihre Schritte hallten auf dem Holz.
Carly konzentrierte sich auf die Wolken. Eine sah aus wie eine Schildkröte, die bald von einem galoppierenden Fohlen überholt wurde. Der Wind frischte auf, zerrte an ihren Locken. Sie wünschte, sie hätte Jakobs Mütze aufgesetzt. Kälter wurde es auch, und das Licht heller, blendete fast. Rund um sie herum glitzerten und plätscherten die Wellen, ein Chor gespiegelter Sonnenstrahlen.
Orje nahm sie bei der Hand und sie versuchte, ruhiger zu atmen. Die Luft roch so frisch, schmeckte salziger, freier, ganz anders, machte gierig, immer mehr und tiefer davon zu kosten.
Und dann war der ungewöhnliche Weg zu Ende. Endete an einer beruhigend soliden hölzernen Reling, an der Anna-Lisa und andere Menschen lehnten und sich an der Weite nicht satt sehen konnten.
„Dreh dich um“, sagte Orje.
Fern, erstaunlich fern lag das Land hinter ihnen. Der Strand nur ein heller Streifen, die Menschen darauf hektische Ameisen und die Häuser Perlen hinter der Dünenkette. Davor das Meer, nur Meer.
Sie standen mitten im Meer, nur darüber, und sie fühlte sich gleichzeitig unsicher und großartig.
„So ähnlich muss es für eine junge Schwalbe sein, wenn sie zum ersten Mal fliegt“, sagte sie, streckte in ihrem Übermut die Arme zum Himmel. Sofort war sie von einem Schwarm kreischender Möwen umringt.
„Die denken, du willst sie füttern“, sagte Anna-Lisa lachend.
„Hier!“ Orje steckte Carly zwei Kekse zu. Sie warf einen Krümel nach dem anderen in den Wind und staunte, wie geschickt die Möwen sie im Flug fingen.
„Wenn Henny hier wäre, würde ich sie bitten, mir ein Bild davon zu malen,“ sagte sie. „Von dem Weg, der in den Himmel zeigt. Von der Brücke, die zu den Möwen führt. Von diesem Tag, der auch eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft ist.“
„Wer weiß. Vielleicht findest du noch eins“, meinte Orje. „Komm, dir ist kalt. Wir suchen uns was zu essen.“
Der Weg zurück war viel kürzer. Auf Anna-Lisas Wunsch entschieden sie sich für Pizza statt Fisch, und Orje spendierte Carly hinterher an einem Stand noch eine eingelegte Gurke, „weil das ist wie früher am Grunewaldsee, weißt du noch…?“

Als sie Friederike ausgeladen hatten, stellten sie fest, dass die Seebrücke inzwischen gesperrt war, weil dort das Feuerwerk für den Abend aufgebaut wurde. Aber sie fanden eine geeignete Stelle in der Nähe, am Rande eines runden Platzes. Kurze Zeit später kam ein offiziell aussehender Mann auf Sie zu. „Haben Sie dafür eine Genehmigung?“
Anna-Lisa blickte erschrocken, aber Orje fischte gelassen ein Papier aus seiner Tasche. „Alles klar“, sagte der Ordnungshüter und verkrümelte sich.
Orje spielte „Mackie Messer“ und „Freut Euch des Lebens“ und „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“. Die Töne trotzten dem Wind, fanden ihren Weg in die Gedanken der Menschen und trugen einen Schwung in ihre Schritte.
„Viel geben die aber nicht dafür“, stellte Anna-Lisa beim Blick auf die wenigen Münzen fest.
„Findest du? Sieh in ihre Gesichter“, sagte Orje gelassen.
„Sie lächeln. Ganz viele davon freuen sich. Als ob sie an was Schönes denken.“
„Siehste.“
Anna-Lisa beugte sich vor und sah ihn fragend an. „Du sammelst das Lächeln, oder?“
Er zog sie an einer weißblonden Strähne. „Sozusagen.“

Ein Mann blieb vor ihnen stehen, zog nachdenklich an seiner Pfeife, und wies dann mit dem Stiel auf Friederike.
„Das ist eine Bagicalupo, oder?“
Orje hörte auf zu spielen. „Sie kennen sich aus?“
„Mein Großvater hatte eine. Sagen Sie, sind Sie interessiert an einer Walze? Ich habe eine mit Shanties zu verkaufen. Die passen besser hierher als Ihr Bolle.“
„Warum wollen sie die verkaufen?“
Der Mann reichte ihm die Hand. „Henning Weritz, übrigens. Die dazugehörige Orgel wurde bei einem Scheunenbrand vernichtet. Die Walzen waren im Haus. Die anderen habe ich schon vor Jahren verkauft, aber der, der sie nahm, hatte kein Interesse an Shanties.“
Carly sah das Leuchten in Orjes Augen.
„Ich müsste sie mir ansehen“ sagte er.
„Selbstverständlich. Sie ist in gutem Zustand. Hören Sie, ich will kein Vermögen daran verdienen. Ich fände es schön, wenn sie wieder gespielt wird. Kommen Sie auf dem Rückweg einfach vorbei. Ich wohne in Prerow.“ Er drückte Orje eine Karte in die Hand.

„Meinst du, das lohnt sich für dich? Shanties in Berlin?“ fragte Carly, als sie später Friederike einluden.
„Ich mag das Meer. Du jetzt auch. Ich werde noch öfter herkommen. Oder wir. Es gibt viele Orte wo ich spielen könnte. Und wenn ich Synne vielleicht manchmal besuche…“
„Das ist ein guter Grund.“
Henning Weritz führte sie auf seinen Dachboden, der vollgestopft war mit alten Dingen und Carly beglückte. Die tiefe Abendsonne fiel durch das Giebelfenster und ließ Gegenstände geheimnisvoll aufleuchten. Während die Männer verhandelten, stöberten Anna-Lisa und sie ausgiebig herum.
An einem Holzbalken lehnte ein Bild. Öl, aber klare Farben, feine Konturen. Etwas daran zog Carly sofort an. Sie veragß Anna-Lisa und Orje, ihre Stimmen verschwanden aus ihrer Wahrnehmung. Der Garten in dem Gemälde sah ein wenig aus wie der von Naurulokki. Es war die Atmosphäre, das Licht. Warm und seltsam wild zugleich. Barfuß in einer ungemähten Wiese, vor einer verblühten Sonnenblume und inmitten von Pusteblumen stand eine kleine, zierliche junge Frau vor einem verfallenen Holzschuppen. Sie trug ein schlichtes Kleid und ihr langer brauner Zopf hing über ihre Schulter. Sie sah den Betrachter nicht an, sondern an ihm vorbei in die Ferne.
Carly nahm das Bild in die Hand und betrachtete die Signatur.
Nicholas Ronning, 1967.
Carly drehte die Leinwand um. Schon bevor sie die Bleistiftnotiz sah, wusste sie es.
„Henny Badonin im Garten des Künstlerhaus Lukas“ stand da.

5 Gedanken zu “16. Schritte auf der Brücke

  1. Oh, das Ende macht schon wieder neugierig!
    In diesem Kapitel mischt sich zu Erwartendes prima mit Neuem.

    Kleine Korrektur im vorletzten Absatz am Ende:
    Hören Sie, ich will kein v ermögen daran…

    Liebe Grüße von Monika

  2. Wunderschön geschrieben. Und du spinnst feine Fäden; man weiß nicht, was noch kommt, man ahnt so dies und das. Spannung, die den Leser dazu treibt, immer weiter lesen zu wollen.
    Herzlichen Gruß,
    Ingrid

  3. ich wiederhole mich gern, liebe patricia, dein schreibstil fesselt und du nimmst mich als leser mit in eine wunderbare welt voller geheimnisse. und was ich jetzt schon definitiv weiß: das buch muss ich haben. so schön es schon virtuell ist, aber wenn ich es richtig in händen halten kann, seite für seite umblättern kann, dann wird dieses kunstwerk zu neuer grandioser lebendigkeit erwachen.
    liebe grüße!

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