Carly wachte wieder einmal mit der Sonne auf. Mit einer dampfenden Teetasse in der Hand wanderte sie verschlafen und barfuß ins Büro. Sie hatte sich vorgenommen, endlich den Schreibtisch zu Ende aufzuräumen, denn er gehörte auf jeden Fall zu dem Inventar, das Elisa schätzen sollte. Trotz der Papierberge, die ihn verdeckten, konnte man erkennen, dass es sich um ein ungewöhnliches Stück handelte. Aus einer von Hennys Notizen wusste sie, dass der Schreibtisch das erste Möbelstück war, das Joram nach Naurulokki gebracht hatte.
Auf der kleinen freien Fläche, die sie schon darauf geschaffen hatte, lag die Postkarte von Joram. Ungläubig hatte sie sie gestern wieder und wieder gelesen. Einfach war das nicht, denn er hatte in einer ungewöhnlich winzigen Schrift so viel wie möglich auf die Karte gequetscht, zum Glück hatte sie Übergröße.
„Liebe Henny!
Es tut mir leid, dass ich ohne ein Wort verschwunden bin. Ich bin in Skagen, sitze im Sand auf Grenen, das ist eine schmale Landzunge an der nördlichsten Spitze Dänemarks. Es ist unglaublich hier! Das ist genau meine Sorte Ort, nur müsste man allein sein. Leider verjagen jede Menge Touristen die tiefe Poesie. Trotzdem bin ich in meiner eigenen Stille Zeuge der Begegnung zweier Meere. Nordsee und Ostsee treffen hier aufeinander. Man hat die Möglichkeit, mit jedem Fuß in einem anderen Meer zu stehen. Die Wellen stoßen zusammen und für einen Moment kann das Wasser nur noch Richtung Himmel. Es ist wie eine schäumende, flüchtige und doch ewige Feier. Diese Vereinigung zeichnet eine Linie, die von meinen Füßen direkt zum Horizont weist. Endlich einmal eine Welle, zu der man nicht quer steht oder denkt, sondern die ein Weg ist oder ein Tor, zumindest einen Wegweiser. Etwas das führt, etwas, das lockt. Beständig und doch immer in fließender Bewegung. Schade, dass du nicht hier bist. Wahrscheinlich wärest du mitgekommen, wenn ich dich gefragt hätte. Dies ist der erste Ort, an dem ich das Gefühl habe, für immer bleiben zu können.
Fortsetzung folgt, Joram.“
Der Poststempel war vom 18. November. Das war einige Zeit nach dem Joram zuletzt gesehen worden war. Aber warum kam die Karte jetzt an, Monate später?
Es war ein merkwürdiges Gefühl, eine Karte von Joram zu lesen, die Henny nie zu Gesicht bekommen hatte.
Joram war also im November in Dänemark gewesen. War er tatsächlich einfach in Skagen geblieben? Warum hatte er dann nicht noch mehr Briefe oder Karten geschrieben?
Carly versuchte, sich auf den Schreibtisch zu konzentrieren. Sie heftete die letzten uralten Rechnungen ab, die zum Teil schon vergilbt waren, und die Thore wahrscheinlich wegwerfen würde. Aber sie wollte ihn zuerst fragen. Die verstaubten Kunstmagazine ordnete sie kurzentschlossen dem Altpapier zu. Unter dem letzten Haufen entdeckte sie ein kleines, abgegriffenes Adressbuch. Sie steckte es zusammen mit Jorams Karte in ihre Hosentasche. In der Küche suchte sie nach einem weichen Lappen, mit dem sie behutsam die Staubschichten von dem befreiten Schreibtisch entfernte. Jetzt erst war sichtbar, dass die Arbeitsfläche aus aneinander gefügten Bohlen gefertigt war, von Wind und Wetter glatt geschliffen und von jahrelanger Sonne silbrig gefärbt. Der Grund, warum von den Papierstapeln keiner zu Boden gefallen war, war eine Art Zaun aus rund geschliffenen Treibholzstücken an der hinteren Kante und beiden Seiten. Nein, kein Zaun, eine Landschaft. Die geschwungenen Holzstücke wirkten wie sanfte Dünen, und in der linken hinteren Ecke ragte ein Ast auf, den Joram durch behutsames Schleifen und andeutungsweises Schnitzen in einen Leuchtturm verwandelt hatte. In der anderen Ecke hielt ein schalenförmig ausgehöhltes Holzstück Notizzettel. Daneben steckte in einem Astloch ein Füllfederhalter.
Die Beine des Schreibtischs waren aus vier annähernd gleich dicken Stämmen, keiner davon war wirklich gerade sondern jeder hatte eine charakteristische Note. Als Carly sich bückte, um sie zu untersuchen, entdeckte sie einen Zettel, der mit zwei Reißzwecken an die Unterseite der Platte geheftet war.
„Der Schreibtisch ist das Herz eines Hauses. Am Schreibtisch begegnest du dir selbst viel mehr als vor einem Spiegel. Ich finde, dieser gehört hierher und ich wünsche dir viele lebendige Stunden daran. Joram.“
Bestimmt hatte Henny hier die meisten ihrer Briefe an Joram geschrieben, vielleicht auch ihre Bilder entworfen. Wahrscheinlich hatte sie auch hier gesessen und gegrübelt, was mit Joram geschehen war. Ob er einen Unfall gehabt hatte. Oder ob er sie einfach verlassen hatte, auf die eine oder andere Art.
Carly kramte das kleine Adressbuch aus ihrer Tasche. Es waren nicht sehr viele Adressen darin vermerkt. Sie fand die von Thore, die Telefonnummern von Synne und Daniel, der Buchhandlung und zwei Ärzten, die Adresse von Elisa, von dem rätselhaften Nicholas Ronning, der in Amerika wohnte. Hatte Henny noch Kontakt zu ihm gehabt? Der Zettel auf dem Friedhof hatte sich nicht so angehört.
An das Alphabet hatte sich Henny nicht gehalten. Schließlich fand Carly, was sie suchte. Joram Grafunder hatte in Born in einer Straße namens „Am Mühlenberg“ gewohnt. Carly blickte auf die Uhr. Es war noch nicht einmal Mittag. Hier im Büro sah es jetzt recht anständig aus. Sie vermerkte den Schreibtisch unter „Möbel“ als letztes Stück auf der Liste, die sie für Elisa angelegt hatte. Die beiden Dünenlandschaften an den Wänden hatte sie schon unter „Bilder“ eingetragen. „Fertig“ sagte sie laut. Die Liste legte sie in den Flur unter die Vase mit dem Dahlienstrauß. Dann griff sie ihre Jacke, zog Turnschuhe an. Die Karte der Halbinsel hatte sie inzwischen im Kopf. Das Dorf Born lag nicht weit entfernt am Bodden.
Heute wehte ein kühler Wind, der nach dem kommenden Herbst schmeckte. Ebenso kühl wirkte das weiße, streng würfelförmige Haus am Mühlenberg. Anders als die meisten Häuser in dem verschlafenen Ort, durch den Carly neugierig geradelt war, war das Dach nicht reetgedeckt sondern aus glänzenden Ziegeln. Im Vorgarten lag wichtig ein englischer Rasen ohne Beete und ohne Gänseblümchen. Eine lange dünne Frau, die eine Schürze über Hosen mit Bügelfalten trug, war damit beschäftigt, Tischdecken auf eine Leine zu hängen. Carly blieb zögernd am Gartentor stehen.
„Kann ich Ihnen helfen?“ fragte die Frau.
„Guten Tag. Hat hier einmal ein Herr Joram Grafunder gewohnt?“
„Ja. Rubinger. Ich bin die Hauseigentümerin. Sind Sie mit dem verwandt?“
„Nein. Ich kümmere mich um den Nachlass seiner Freundin. Ich habe alte Briefe gefunden und weiß nicht ob ich sie entsorgen soll. Wissen Sie wo er sich aufhält?“
„Er ist im letzten Herbst verschwunden. Ich wüsste auch gerne wo er sich aufhält. Er schuldet mir noch Mieten. Aber ich nehme an, er liegt auf dem Grund des Meeres, oder jemand hat ihn irgendwo verscharrt. Besonders freundlich war er nicht, wissen Sie. Freunde schien er auch nicht zu haben. Nur diese Frau, von der er Briefe bekam. Bandin oder so ähnlich.“
„Henny Badonin. Was ist mit seiner Wohnung?“
„Vielleicht ist er ja auch eine dieser Mietnomaden. Der Polizei war er allerdings nicht bekannt. Ich habe die Wohnung wieder vermietet, nachdem sie drei Monate leer stand und kein Geld mehr einging. Aber Sie kommen mir gerade recht. Herr Grafunder hatte kaum Sachen, nur eine alte Matratze, die ich entsorgt habe, einen sehr schönen Holztisch, und dann dieser vollgestopfte Seesack. Den können sie mitnehmen, ich möchte ihn endlich loswerden, steht mir nur im Weg rum. Verwandte hat der Grafunder ja nicht, sagt die Polizei. Kommen Sie rein.“
Carly folgte ihr einen schnurgeraden Weg entlang.
„Hat die Polizei sonst noch etwas gesagt?“
„Nein. Er ist als vermisst gemeldet und fertig. Das interessiert die nicht weiter. Denen schuldet er ja kein Geld!“
Sie ließ Carly in einem sehr sauberen Flur stehen und verschwand im Keller, wo es rumpelte. Kurz darauf tauchte sie mit einem riesigen, weniger sauberen Seesack auf, den sie Carly hastig in die Arme legte.
„Vielleicht taucht der Grafunder ja irgendwann bei Ihnen auf. Dann können Sie ihm sagen, wenn er die ausstehende Miete bezahlt, kann er seinen Tisch wiederhaben. Inzwischen behalte ich den als Entschädigung.“
„Kann ich diesen Tisch mal sehen?“
„Hier.“ Ungnädig öffnete die Frau eine Tür und gestattete Carly einen Blick in ein Wohnzimmer, in dem ein Holztisch das einzig attraktive Stück war. Seine Platte war unregelmäßig geformt und wurde von einem Fuß getragen, der aus einer einzigen komplizierteren Wurzel bestand. Carly spürte sofort den Wunsch, das Stück mit nach Naurulokki zu nehmen. Hier gehörte er ganz sicher nicht hin. Vielleicht konnte sie wenigstens Elisa dafür interessieren. Aber es bestand ja immer noch die Möglichkeit, dass Joram wiederkam.
„Können Sie mir bitte noch sagen, wo ich die zuständige Polizei finde?“
„Prerow. Hafenstraße. Auf Wiedersehen!“
Carly war sich nicht sicher, worüber sich Frau Rubinger mehr freute: den Seesack loszuwerden oder Carly. Nach mehreren Fehlversuchen schaffte sie es, den schweren Sack quer auf den Gepäckträger zu wuchten.
Vorsichtig radelte sie Richtung Prerow.
„Nein, wir haben keine neue Spur im Fall Grafunder“, gab ein freundlicher Polizist ihr dort Auskunft. Im Gegensatz zu Frau Rubinger schien er erfreut, sie zu sehen. Offenbar war sie eine willkommene Abwechslung zu seinem Sudoku-Rätsel.
„Es ist eine Postkarte vom November angekommen, die er aus Skagen geschickt hat. Vielleicht hilft diese Information weiter.“
Er fischte eine verstaubte Akte aus einem Schrank und notierte etwas darin.
„Unsere Kollegen in Dänemark sind ohnehin informiert“, sagte er. „Es war bekannt, dass er die Absicht geäußert hatte, dorthin zu reisen. Außerdem hat er kurz vor seinem Verschwinden einen größeren Betrag von seinem Konto abgehoben.“
„Was glauben Sie persönlich, was passiert ist“?
„Bonbon?“ Er hielt ihr er eine Schale hin. „Nun, er war ein Sonderling. Blieb nirgends lange. Hatte keine Anstellung, war freischaffender Künstler. Man weiß ja, wie die sind. Ich denke, er ist irgendwo unterwegs. Hat vielleicht einfach vergessen, dass er zurückkommen wollte. Wenn er das überhaupt wollte. Natürlich kann auch ein Unfall passiert sein. Oder ein Raubüberfall. Aber dann gibt es meist eine Leiche. Die meisten, die als vermisst gemeldet wurden, sind irgendwann wieder aufgetaucht.“
Auf dem Weg nach Hause musste Carly fünfmal anhalten, weil der sperrige Sack vom Fahrrad rutschte.
Joram hatte also eine größere Summe abgehoben. Das tut man nicht, wenn man Selbstmord begehen möchte. Oder wollte er damit nur bis nach Dänemark kommen, und dann dort…
Sollte sie den Seesack auspacken? Zu gern hätte sie gewusst, was darin war. Vielleicht auch ein Hinweis. Doch es kam ihr nicht richtig vor. Wenn Joram noch lebte, und sie kramte hier in seinem Privatsachen? Sie war ja noch nicht einmal mit ihm verwandt.
So stellte sie den Sack erst einmal ins Büro. Sie konnte jedoch nicht ganz widerstehen, löste die Schnur ein wenig, die die Öffnung verschloss, und schnupperte hinein. Im Inneren roch es entfernt nach Holz, Leder und dem Aftershave, dessen Duft auch an dem Pullover in Hennys Zimmer haftete. An der Schnur hatte sich ein graubraunes, leicht lockiges Haar verfangen, das Carly seltsam berührte, weil Joram dadurch plötzlich noch gegenwärtiger schien als ohnehin oft.
Der Wind hatte nachgelassen, die Sonne kämpfte sich durch die Schleier und warf warmes Spätsommernachmittagslicht in den Garten. Es war noch Zeit genug für eine weitere kleine Radtour. „Frag doch Flömer“, hatte Daniel gesagt.
Jetzt, da der Seesack in der Ecke stand als hätte Joram ihn persönlich dort gerade abgestellt, ließ ihr die Sache keine Ruhe mehr. Hatte er Henny wirklich einfach eiskalt verlassen, nach allem was an Wärme in seinen Briefen und Nachrichten stand und in seinen Werken zu spüren war? Das konnte, durfte doch nicht sein.
Wenn schon ihr Vater nicht wiedergekommen war, so wollte sie wenigstens wissen, wo Joram war.
Der Weg über die Wiesen war noch märchenhafter als Daniel ihn beschrieben hatte. Wolkige Mengen von Pusteblumenköpfen schwebten über dem hohen Gras, in das der Wind zärtliche Wellen zeichnete. In der Ferne bewegten sich braune Segel auf dem Bodden. Einmal stieg Carly ab, um auf die bodenlose Stille zu lauschen. Eine solch uneingeschränkte Ruhe war ihr noch nie begegnet. Diese Stille war wie ein anderes Meer, gewaltig und beglückend.
Fast zu kurz war der Bogen, den der Weg zum Hafen hin beschrieb. Carly hätte für immer so weiterfahren können. Doch bald verschluckte für einen Wimpernschlag ein hoher Schilfgürtel die Sicht, dann tauchten wie aus einem Bild Bootsstege in einer kleinen Bucht auf, dahinter Reihen hölzerner Häuschen. Zwei Zeesboote schaukelten an einem Steg, an einem anderen ein Ruderboot. Niemand war zu sehen bis auf einen Mann, der am Ende eines Steges auf einem Pfosten saß und mit den Beinen baumelte. Carlys Schritte warfen eine Melodie hölzerner Echos in die Abendstille, als sie sich ihm näherte. Er drehte sich nicht um, aber sie musste auf der richtigen Spur sein, denn plötzlich trat sie auf ein großes K, das jemand mit Kreide auf das Holz geschrieben hatte. Dieses K war das Ende eines Wortes, das Carly als „Nebelbank“ entzifferte.
Der Horizont, auf denen der Steg zu führte und auf den der Mann auf seinem Ende blickte, leuchtete allerdings glasklar, nur einen aprikosenfarbiger Strich lag auf dem Blau. Von Nebel war weit und breit nichts zu sehen.
Der Mann trug einen ärmellosen blaugrünen Strickpullover und eine lederne Schirmmütze. Hinter seinem großzügigen Ohr steckte ein Stück Kreide.
„Guten Tag, Herr Flömer.“
Als er sich zu ihr wandte, sah sie erst, dass er tatsächlich sehr alt war. Für seine Augen aber galt das nicht.
„Das ‚Herr‘ ist nicht nötig“, sagte er. „Alles nur Ballast.“
Carly zeigte auf das Wort, das auf dem Steg lag.
„Warum ‚Nebelbank‘?“
„Es ist das Wort, das heute meine Gedanken eingeladen hat. Nebelbank. Es klingt wie etwas, auf dem man sich niederlassen kann. Etwas Weiches, Veränderliches, Geheimnisvolles. Es kann freundlich sein, aber auch gefährlich. Man kann sich darin verlieren. Oder darauf unterwegs sein. Eine Bank, die sich der Landschaft anpasst und dem darauf Ruhenden. Eine die nicht greifbar ist. Nicht dauerhaft. Eine, die vom Wind abhängig ist. Ich mag es, ein Wort in der Landschaft zu notieren, so dass wir uns Auge in Auge gegenüberstehen können und uns gegenseitig betrachten.“
„Darf ich auch mal?“ Carly zeigte auf die Kreide hinter seinem Ohr.
„Selbstverständlich. An den Rändern der Meere ist Platz für alle Wörter.“ Er reichte ihr die Kreide.
„Seesack“ schrieb Carly auf das von vielen Schritten ausgetretenen Holz. Sie gab Flömer die Kreide zurück und setzte sich ihm gegenüber auf den anderen Pfosten.
„Seesack“, sagte sie vor sich hin. „Etwas, das größer oder kleiner wirkt, je nachdem wie viel man hinein füllt. Leicht oder schwer. Es ist immer noch ein bisschen Platz, egal wie vollgestopft er ist. Platz für Holzstücke und Werkzeuge. Platz für Erinnerungen, Platz für den Klang der See, Platz für Ideen und Wissen und für Sehnsucht. Sehnsucht nach der Ferne, nach Wind. Sehnsucht nach jemandem, den man verloren hat. Sehnsucht nach jemandem, den man zu gerne hat um ihm nahe zu bleiben.“
„Meinst du Joram Grafunder? Woher kennst du ihn so gut?“
Dass er sie duzte, erinnerte sie an Thore.
Flömer war ein guter Zuhörer. Sie erzählte ihm die ganze Geschichte, von Naurulokki, Jorams Zetteln und Möbeln und auch von den Seesack, den man ihr heute anvertraut hatte.
„Ich mag nicht hinein sehen, irgendwie gehört sich das nicht. Obwohl wahrscheinlich schon ein Polizist und ganz bestimmt diese Frau Rubinger darin herumgewühlt haben.“
„Das scheint auch nicht nötig zu sein. Du weißt ja, was darin ist. Die Bohlen für den Schreibtisch, den du erwähntest, hatte er übrigens mir abgeschwatzt. Sie stammen von meinem alten Bootssteg.“
„Wie lange kanntest du ihn?“
„Er ist schon als Junge mit seinem kleinen Bruder mit mir zum Fischen hinausgefahren. Sie hingen sehr aneinander, die beiden. Ich kannte Joram lange, aber niemand kannte ihn gut.“
„Außer Henny Badonin. Aber auch ihr hat er nicht gesagt warum er ging und nicht wiederkam. Was glaubst du, wo er ist? Lebt er noch?“
Flömer schwieg eine Weile. Eigentlich hätte eine Pfeife zu ihm gepasst, dachte Carly. Aber seine Hände lagen ruhig auf seinen Knien.
„Ich weiß es nicht“, sagte er schließlich. „Ich kann es nicht fühlen weil Joram jemand ist oder war – der ohnehin in der Landschaft bleibt. Er ist in jedem Stück Holz, das mir begegnet. In jedem seltsamen Gedanken, der mich trifft. Seine Worte sind im Nordwind unterwegs. Für mich ist er nicht fort. Nach über neunzig Jahren ist dieser Ort für mich voll von Menschen, die nicht fort sind, auch wenn sie niemand mehr sieht außer mir. Es ist nicht wichtig, wer davon lebt und wer nicht.“
Hatte sie nicht Ähnliches kürzlich schon einmal gehört? Es musste an diesem Land liegen, dass die Grenze zwischen den Lebenden und den Toten für einige wie selbstverständlich verschwamm.
Der aprikosenfarbige Strich am Horizont war verschwunden. In hohen und tieferen Blautönen senkte sich die Dämmerung in die Bucht. An den Stegen flammten einzelne Lichter auf, spiegelten sich zitternd im Wasser.
Carly angelte sich noch einmal die Kreide hinter Flömers Ohr hervor.
„Joram Grafunder“ schrieb sie auf den Steg. Das Holz war in der aufkommenden Dunkelheit kaum noch zu sehen. Die weißen Buchstaben schienen in der Luft zu schweben.
„Welches Wort fällt dir dazu als Erstes ein?“ fragte sie.
„Strömung“, schrieb Flömer darunter. „Joram war einer, der ständig von einer Strömung gezogen oder getrieben wurde. Darum konnte er nie ankommen. Was den meisten Menschen nicht bewusst ist, ist, dass es auch an Land Strömungen gibt. Alles hängt mit den Strömungen zusammen. Sie kommen von dort, in der Luft und im Wasser“, er breitete beide Arme weit zum Meer hin „und sie machen am Land nicht halt. In der Dämmerung erkennst du es am ehesten, dann gibt es nur noch die Blautöne, auch an Land. Und irgendwann fließen sie wieder zurück. „Am Ende“, sagte Flömer, „am Ende läuft alles auf dieses Blau hinaus. Darin kannst du alles verlieren und alles finden.“ Er zeichnete den hellblauen Streifen am Horizont, das letzte Echo dieses Spätsommertages mit dem Zeigefinger nach.
Die Milchstraße leuchtete schon hell über Naurulokki, und das Sternbild Schwan stand herbstlich tief, als Carly ihr Rad durch die Pforte schob. Sie war auf der Hauptstraße zurückgefahren, die lautlosen Wiesen im Dunkeln waren ihr doch zu unheimlich, vor allem nach Flömers Worten von den Menschen, die nicht fort waren.
Gedankenverloren starrte sie in den fast leeren Kühlschrank, als es an der Tür klopfte. Sie zuckte zusammen. Wer konnte das jetzt noch sein? Jakob? Den hatte sie heute nicht einmal von weitem gesehen. Sie hatte ihn vermisst, fiel ihr auf.
Doch draußen stand nicht Jakob unter den Sternen.
Es war ihr korrekter Bruder Ralf, in jeder triumphierend erhobenen Hand ein fettiges, tropfendes Päckchen.
„Hier gibt es überall Fischbrötchen!“ verkündete er strahlend. Es klang, als hätte er persönlich soeben das achte Weltwunder entdeckt.
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Anmerkung: Hier geht es Mitte August weiter.
