20. Flömers Worte

Carly wachte wieder einmal mit der Sonne auf. Mit einer dampfenden Teetasse in der Hand wanderte sie verschlafen und barfuß ins Büro. Sie hatte sich vorgenommen, endlich den Schreibtisch zu Ende aufzuräumen, denn er gehörte auf jeden Fall zu dem Inventar, das Elisa schätzen sollte. Trotz der Papierberge, die ihn verdeckten, konnte man erkennen, dass es sich um ein ungewöhnliches Stück handelte. Aus einer von Hennys Notizen wusste sie, dass der Schreibtisch das erste Möbelstück war, das Joram nach Naurulokki gebracht hatte.
Auf der kleinen freien Fläche, die sie schon darauf geschaffen hatte, lag die Postkarte von Joram. Ungläubig hatte sie sie gestern wieder und wieder gelesen. Einfach war das nicht, denn er hatte in einer ungewöhnlich winzigen Schrift so viel wie möglich auf die Karte gequetscht, zum Glück hatte sie Übergröße.
„Liebe Henny!
Es tut mir leid, dass ich ohne ein Wort verschwunden bin. Ich bin in Skagen, sitze im Sand auf Grenen, das ist eine schmale Landzunge an der nördlichsten Spitze Dänemarks. Es ist unglaublich hier! Das ist genau meine Sorte Ort, nur müsste man allein sein. Leider verjagen jede Menge Touristen die tiefe Poesie. Trotzdem bin ich in meiner eigenen Stille Zeuge der Begegnung zweier Meere. Nordsee und Ostsee treffen hier aufeinander. Man hat die Möglichkeit, mit jedem Fuß in einem anderen Meer zu stehen. Die Wellen stoßen zusammen und für einen Moment kann das Wasser nur noch Richtung Himmel. Es ist wie eine schäumende, flüchtige und doch ewige Feier. Diese Vereinigung zeichnet eine Linie, die von meinen Füßen direkt zum Horizont weist. Endlich einmal eine Welle, zu der man nicht quer steht oder denkt, sondern die ein Weg ist oder ein Tor, zumindest einen Wegweiser. Etwas das führt, etwas, das lockt. Beständig und doch immer in fließender Bewegung. Schade, dass du nicht hier bist. Wahrscheinlich wärest du mitgekommen, wenn ich dich gefragt hätte. Dies ist der erste Ort, an dem ich das Gefühl habe, für immer bleiben zu können.
Fortsetzung folgt, Joram.“

Der Poststempel war vom 18. November. Das war einige Zeit nach dem Joram zuletzt gesehen worden war. Aber warum kam die Karte jetzt an, Monate später?
Es war ein merkwürdiges Gefühl, eine Karte von Joram zu lesen, die Henny nie zu Gesicht bekommen hatte.
Joram war also im November in Dänemark gewesen. War er tatsächlich einfach in Skagen geblieben? Warum hatte er dann nicht noch mehr Briefe oder Karten geschrieben?

Carly versuchte, sich auf den Schreibtisch zu konzentrieren. Sie heftete die letzten uralten Rechnungen ab, die zum Teil schon vergilbt waren, und die Thore wahrscheinlich wegwerfen würde. Aber sie wollte ihn zuerst fragen. Die verstaubten Kunstmagazine ordnete sie kurzentschlossen dem Altpapier zu. Unter dem letzten Haufen entdeckte sie ein kleines, abgegriffenes Adressbuch. Sie steckte es zusammen mit Jorams Karte in ihre Hosentasche. In der Küche suchte sie nach einem weichen Lappen, mit dem sie behutsam die Staubschichten von dem befreiten Schreibtisch entfernte. Jetzt erst war sichtbar, dass die Arbeitsfläche aus aneinander gefügten Bohlen gefertigt war, von Wind und Wetter glatt geschliffen und von jahrelanger Sonne silbrig gefärbt. Der Grund, warum von den Papierstapeln keiner zu Boden gefallen war, war eine Art Zaun aus rund geschliffenen Treibholzstücken an der hinteren Kante und beiden Seiten. Nein, kein Zaun, eine Landschaft. Die geschwungenen Holzstücke wirkten wie sanfte Dünen, und in der linken hinteren Ecke ragte ein Ast auf, den Joram durch behutsames Schleifen und andeutungsweises Schnitzen in einen Leuchtturm verwandelt hatte. In der anderen Ecke hielt ein schalenförmig ausgehöhltes Holzstück Notizzettel. Daneben steckte in einem Astloch ein Füllfederhalter.
Die Beine des Schreibtischs waren aus vier annähernd gleich dicken Stämmen, keiner davon war wirklich gerade sondern jeder hatte eine charakteristische Note. Als Carly sich bückte, um sie zu untersuchen, entdeckte sie einen Zettel, der mit zwei Reißzwecken an die Unterseite der Platte geheftet war.
„Der Schreibtisch ist das Herz eines Hauses. Am Schreibtisch begegnest du dir selbst viel mehr als vor einem Spiegel. Ich finde, dieser gehört hierher und ich wünsche dir viele lebendige Stunden daran. Joram.“
Bestimmt hatte Henny hier die meisten ihrer Briefe an Joram geschrieben, vielleicht auch ihre Bilder entworfen. Wahrscheinlich hatte sie auch hier gesessen und gegrübelt, was mit Joram geschehen war. Ob er einen Unfall gehabt hatte. Oder ob er sie einfach verlassen hatte, auf die eine oder andere Art.
Carly kramte das kleine Adressbuch aus ihrer Tasche. Es waren nicht sehr viele Adressen darin vermerkt. Sie fand die von Thore, die Telefonnummern von Synne und Daniel, der Buchhandlung und zwei Ärzten, die Adresse von Elisa, von dem rätselhaften Nicholas Ronning, der in Amerika wohnte. Hatte Henny noch Kontakt zu ihm gehabt? Der Zettel auf dem Friedhof hatte sich nicht so angehört.
An das Alphabet hatte sich Henny nicht gehalten. Schließlich fand Carly, was sie suchte. Joram Grafunder hatte in Born in einer Straße namens „Am Mühlenberg“ gewohnt. Carly blickte auf die Uhr. Es war noch nicht einmal Mittag. Hier im Büro sah es jetzt recht anständig aus. Sie vermerkte den Schreibtisch unter „Möbel“ als letztes Stück auf der Liste, die sie für Elisa angelegt hatte. Die beiden Dünenlandschaften an den Wänden hatte sie schon unter „Bilder“ eingetragen. „Fertig“ sagte sie laut. Die Liste legte sie in den Flur unter die Vase mit dem Dahlienstrauß. Dann griff sie ihre Jacke, zog Turnschuhe an. Die Karte der Halbinsel hatte sie inzwischen im Kopf. Das Dorf Born lag nicht weit entfernt am Bodden.

Heute wehte ein kühler Wind, der nach dem kommenden Herbst schmeckte. Ebenso kühl wirkte das weiße, streng würfelförmige Haus am Mühlenberg. Anders als die meisten Häuser in dem verschlafenen Ort, durch den Carly neugierig geradelt war, war das Dach nicht reetgedeckt sondern aus glänzenden Ziegeln. Im Vorgarten lag wichtig ein englischer Rasen ohne Beete und ohne Gänseblümchen. Eine lange dünne Frau, die eine Schürze über Hosen mit Bügelfalten trug, war damit beschäftigt, Tischdecken auf eine Leine zu hängen. Carly blieb zögernd am Gartentor stehen.
„Kann ich Ihnen helfen?“ fragte die Frau.
„Guten Tag. Hat hier einmal ein Herr Joram Grafunder gewohnt?“
„Ja. Rubinger. Ich bin die Hauseigentümerin. Sind Sie mit dem verwandt?“
„Nein. Ich kümmere mich um den Nachlass seiner Freundin. Ich habe alte Briefe gefunden und weiß nicht ob ich sie entsorgen soll. Wissen Sie wo er sich aufhält?“
„Er ist im letzten Herbst verschwunden. Ich wüsste auch gerne wo er sich aufhält. Er schuldet mir noch Mieten. Aber ich nehme an, er liegt auf dem Grund des Meeres, oder jemand hat ihn irgendwo verscharrt. Besonders freundlich war er nicht, wissen Sie. Freunde schien er auch nicht zu haben. Nur diese Frau, von der er Briefe bekam. Bandin oder so ähnlich.“
„Henny Badonin. Was ist mit seiner Wohnung?“
„Vielleicht ist er ja auch eine dieser Mietnomaden. Der Polizei war er allerdings nicht bekannt. Ich habe die Wohnung wieder vermietet, nachdem sie drei Monate leer stand und kein Geld mehr einging. Aber Sie kommen mir gerade recht. Herr Grafunder hatte kaum Sachen, nur eine alte Matratze, die ich entsorgt habe, einen sehr schönen Holztisch, und dann dieser vollgestopfte Seesack. Den können sie mitnehmen, ich möchte ihn endlich loswerden, steht mir nur im Weg rum. Verwandte hat der Grafunder ja nicht, sagt die Polizei. Kommen Sie rein.“
Carly folgte ihr einen schnurgeraden Weg entlang.
„Hat die Polizei sonst noch etwas gesagt?“
„Nein. Er ist als vermisst gemeldet und fertig. Das interessiert die nicht weiter. Denen schuldet er ja kein Geld!“
Sie ließ Carly in einem sehr sauberen Flur stehen und verschwand im Keller, wo es rumpelte. Kurz darauf tauchte sie mit einem riesigen, weniger sauberen Seesack auf, den sie Carly hastig in die Arme legte.
„Vielleicht taucht der Grafunder ja irgendwann bei Ihnen auf. Dann können Sie ihm sagen, wenn er die ausstehende Miete bezahlt, kann er seinen Tisch wiederhaben. Inzwischen behalte ich den als Entschädigung.“
„Kann ich diesen Tisch mal sehen?“
„Hier.“ Ungnädig öffnete die Frau eine Tür und gestattete Carly einen Blick in ein Wohnzimmer, in dem ein Holztisch das einzig attraktive Stück war. Seine Platte war unregelmäßig geformt und wurde von einem Fuß getragen, der aus einer einzigen komplizierteren Wurzel bestand. Carly spürte sofort den Wunsch, das Stück mit nach Naurulokki zu nehmen. Hier gehörte er ganz sicher nicht hin. Vielleicht konnte sie wenigstens Elisa dafür interessieren. Aber es bestand ja immer noch die Möglichkeit, dass Joram wiederkam.
„Können Sie mir bitte noch sagen, wo ich die zuständige Polizei finde?“
„Prerow. Hafenstraße. Auf Wiedersehen!“
Carly war sich nicht sicher, worüber sich Frau Rubinger mehr freute: den Seesack loszuwerden oder Carly. Nach mehreren Fehlversuchen schaffte sie es, den schweren Sack quer auf den Gepäckträger zu wuchten.
Vorsichtig radelte sie Richtung Prerow.
„Nein, wir haben keine neue Spur im Fall Grafunder“, gab ein freundlicher Polizist ihr dort Auskunft. Im Gegensatz zu Frau Rubinger schien er erfreut, sie zu sehen. Offenbar war sie eine willkommene Abwechslung zu seinem Sudoku-Rätsel.
„Es ist eine Postkarte vom November angekommen, die er aus Skagen geschickt hat. Vielleicht hilft diese Information weiter.“
Er fischte eine verstaubte Akte aus einem Schrank und notierte etwas darin.
„Unsere Kollegen in Dänemark sind ohnehin informiert“, sagte er. „Es war bekannt, dass er die Absicht geäußert hatte, dorthin zu reisen. Außerdem hat er kurz vor seinem Verschwinden einen größeren Betrag von seinem Konto abgehoben.“
„Was glauben Sie persönlich, was passiert ist“?
„Bonbon?“ Er hielt ihr er eine Schale hin. „Nun, er war ein Sonderling. Blieb nirgends lange. Hatte keine Anstellung, war freischaffender Künstler. Man weiß ja, wie die sind. Ich denke, er ist irgendwo unterwegs. Hat vielleicht einfach vergessen, dass er zurückkommen wollte. Wenn er das überhaupt wollte. Natürlich kann auch ein Unfall passiert sein. Oder ein Raubüberfall. Aber dann gibt es meist eine Leiche. Die meisten, die als vermisst gemeldet wurden, sind irgendwann wieder aufgetaucht.“
Auf dem Weg nach Hause musste Carly fünfmal anhalten, weil der sperrige Sack vom Fahrrad rutschte.
Joram hatte also eine größere Summe abgehoben. Das tut man nicht, wenn man Selbstmord begehen möchte. Oder wollte er damit nur bis nach Dänemark kommen, und dann dort…
Sollte sie den Seesack auspacken? Zu gern hätte sie gewusst, was darin war. Vielleicht auch ein Hinweis. Doch es kam ihr nicht richtig vor. Wenn Joram noch lebte, und sie kramte hier in seinem Privatsachen? Sie war ja noch nicht einmal mit ihm verwandt.
So stellte sie den Sack erst einmal ins Büro. Sie konnte jedoch nicht ganz widerstehen, löste die Schnur ein wenig, die die Öffnung verschloss, und schnupperte hinein. Im Inneren roch es entfernt nach Holz, Leder und dem Aftershave, dessen Duft auch an dem Pullover in Hennys Zimmer haftete. An der Schnur hatte sich ein graubraunes, leicht lockiges Haar verfangen, das Carly seltsam berührte, weil Joram dadurch plötzlich noch gegenwärtiger schien als ohnehin oft.

Der Wind hatte nachgelassen, die Sonne kämpfte sich durch die Schleier und warf warmes Spätsommernachmittagslicht in den Garten. Es war noch Zeit genug für eine weitere kleine Radtour. „Frag doch Flömer“, hatte Daniel gesagt.
Jetzt, da der Seesack in der Ecke stand als hätte Joram ihn persönlich dort gerade abgestellt, ließ ihr die Sache keine Ruhe mehr. Hatte er Henny wirklich einfach eiskalt verlassen, nach allem was an Wärme in seinen Briefen und Nachrichten stand und in seinen Werken zu spüren war? Das konnte, durfte doch nicht sein.
Wenn schon ihr Vater nicht wiedergekommen war, so wollte sie wenigstens wissen, wo Joram war.

Der Weg über die Wiesen war noch märchenhafter als Daniel ihn beschrieben hatte. Wolkige Mengen von Pusteblumenköpfen schwebten über dem hohen Gras, in das der Wind zärtliche Wellen zeichnete. In der Ferne bewegten sich braune Segel auf dem Bodden. Einmal stieg Carly ab, um auf die bodenlose Stille zu lauschen. Eine solch uneingeschränkte Ruhe war ihr noch nie begegnet. Diese Stille war wie ein anderes Meer, gewaltig und beglückend.
Fast zu kurz war der Bogen, den der Weg zum Hafen hin beschrieb. Carly hätte für immer so weiterfahren können. Doch bald verschluckte für einen Wimpernschlag ein hoher Schilfgürtel die Sicht, dann tauchten wie aus einem Bild Bootsstege in einer kleinen Bucht auf, dahinter Reihen hölzerner Häuschen. Zwei Zeesboote schaukelten an einem Steg, an einem anderen ein Ruderboot. Niemand war zu sehen bis auf einen Mann, der am Ende eines Steges auf einem Pfosten saß und mit den Beinen baumelte. Carlys Schritte warfen eine Melodie hölzerner Echos in die Abendstille, als sie sich ihm näherte. Er drehte sich nicht um, aber sie musste auf der richtigen Spur sein, denn plötzlich trat sie auf ein großes K, das jemand mit Kreide auf das Holz geschrieben hatte. Dieses K war das Ende eines Wortes, das Carly als „Nebelbank“ entzifferte.
Der Horizont, auf denen der Steg zu führte und auf den der Mann auf seinem Ende blickte, leuchtete allerdings glasklar, nur einen aprikosenfarbiger Strich lag auf dem Blau. Von Nebel war weit und breit nichts zu sehen.
Der Mann trug einen ärmellosen blaugrünen Strickpullover und eine lederne Schirmmütze. Hinter seinem großzügigen Ohr steckte ein Stück Kreide.
„Guten Tag, Herr Flömer.“
Als er sich zu ihr wandte, sah sie erst, dass er tatsächlich sehr alt war. Für seine Augen aber galt das nicht.
„Das ‚Herr‘ ist nicht nötig“, sagte er. „Alles nur Ballast.“
Carly zeigte auf das Wort, das auf dem Steg lag.
„Warum ‚Nebelbank‘?“
„Es ist das Wort, das heute meine Gedanken eingeladen hat. Nebelbank. Es klingt wie etwas, auf dem man sich niederlassen kann. Etwas Weiches, Veränderliches, Geheimnisvolles. Es kann freundlich sein, aber auch gefährlich. Man kann sich darin verlieren. Oder darauf unterwegs sein. Eine Bank, die sich der Landschaft anpasst und dem darauf Ruhenden. Eine die nicht greifbar ist. Nicht dauerhaft. Eine, die vom Wind abhängig ist. Ich mag es, ein Wort in der Landschaft zu notieren, so dass wir uns Auge in Auge gegenüberstehen können und uns gegenseitig betrachten.“
„Darf ich auch mal?“ Carly zeigte auf die Kreide hinter seinem Ohr.
„Selbstverständlich. An den Rändern der Meere ist Platz für alle Wörter.“ Er reichte ihr die Kreide.
„Seesack“ schrieb Carly auf das von vielen Schritten ausgetretenen Holz. Sie gab Flömer die Kreide zurück und setzte sich ihm gegenüber auf den anderen Pfosten.
„Seesack“, sagte sie vor sich hin. „Etwas, das größer oder kleiner wirkt, je nachdem wie viel man hinein füllt. Leicht oder schwer. Es ist immer noch ein bisschen Platz, egal wie vollgestopft er ist. Platz für Holzstücke und Werkzeuge. Platz für Erinnerungen, Platz für den Klang der See, Platz für Ideen und Wissen und für Sehnsucht. Sehnsucht nach der Ferne, nach Wind. Sehnsucht nach jemandem, den man verloren hat. Sehnsucht nach jemandem, den man zu gerne hat um ihm nahe zu bleiben.“
„Meinst du Joram Grafunder? Woher kennst du ihn so gut?“
Dass er sie duzte, erinnerte sie an Thore.
Flömer war ein guter Zuhörer. Sie erzählte ihm die ganze Geschichte, von Naurulokki, Jorams Zetteln und Möbeln und auch von den Seesack, den man ihr heute anvertraut hatte.
„Ich mag nicht hinein sehen, irgendwie gehört sich das nicht. Obwohl wahrscheinlich schon ein Polizist und ganz bestimmt diese Frau Rubinger darin herumgewühlt haben.“
„Das scheint auch nicht nötig zu sein. Du weißt ja, was darin ist. Die Bohlen für den Schreibtisch, den du erwähntest, hatte er übrigens mir abgeschwatzt. Sie stammen von meinem alten Bootssteg.“
„Wie lange kanntest du ihn?“
„Er ist schon als Junge mit seinem kleinen Bruder mit mir zum Fischen hinausgefahren. Sie hingen sehr aneinander, die beiden. Ich kannte Joram lange, aber niemand kannte ihn gut.“
„Außer Henny Badonin. Aber auch ihr hat er nicht gesagt warum er ging und nicht wiederkam. Was glaubst du, wo er ist? Lebt er noch?“
Flömer schwieg eine Weile. Eigentlich hätte eine Pfeife zu ihm gepasst, dachte Carly. Aber seine Hände lagen ruhig auf seinen Knien.
„Ich weiß es nicht“, sagte er schließlich. „Ich kann es nicht fühlen weil Joram jemand ist oder war – der ohnehin in der Landschaft bleibt. Er ist in jedem Stück Holz, das mir begegnet. In jedem seltsamen Gedanken, der mich trifft. Seine Worte sind im Nordwind unterwegs. Für mich ist er nicht fort. Nach über neunzig Jahren ist dieser Ort für mich voll von Menschen, die nicht fort sind, auch wenn sie niemand mehr sieht außer mir. Es ist nicht wichtig, wer davon lebt und wer nicht.“
Hatte sie nicht Ähnliches kürzlich schon einmal gehört? Es musste an diesem Land liegen, dass die Grenze zwischen den Lebenden und den Toten für einige wie selbstverständlich verschwamm.
Der aprikosenfarbige Strich am Horizont war verschwunden. In hohen und tieferen Blautönen senkte sich die Dämmerung in die Bucht. An den Stegen flammten einzelne Lichter auf, spiegelten sich zitternd im Wasser.
Carly angelte sich noch einmal die Kreide hinter Flömers Ohr hervor.
„Joram Grafunder“ schrieb sie auf den Steg. Das Holz war in der aufkommenden Dunkelheit kaum noch zu sehen. Die weißen Buchstaben schienen in der Luft zu schweben.
„Welches Wort fällt dir dazu als Erstes ein?“ fragte sie.
„Strömung“, schrieb Flömer darunter. „Joram war einer, der ständig von einer Strömung gezogen oder getrieben wurde. Darum konnte er nie ankommen. Was den meisten Menschen nicht bewusst ist, ist, dass es auch an Land Strömungen gibt. Alles hängt mit den Strömungen zusammen. Sie kommen von dort, in der Luft und im Wasser“, er breitete beide Arme weit zum Meer hin „und sie machen am Land nicht halt. In der Dämmerung erkennst du es am ehesten, dann gibt es nur noch die Blautöne, auch an Land. Und irgendwann fließen sie wieder zurück. „Am Ende“, sagte Flömer, „am Ende läuft alles auf dieses Blau hinaus. Darin kannst du alles verlieren und alles finden.“ Er zeichnete den hellblauen Streifen am Horizont, das letzte Echo dieses Spätsommertages mit dem Zeigefinger nach.

Die Milchstraße leuchtete schon hell über Naurulokki, und das Sternbild Schwan stand herbstlich tief, als Carly ihr Rad durch die Pforte schob. Sie war auf der Hauptstraße zurückgefahren, die lautlosen Wiesen im Dunkeln waren ihr doch zu unheimlich, vor allem nach Flömers Worten von den Menschen, die nicht fort waren.
Gedankenverloren starrte sie in den fast leeren Kühlschrank, als es an der Tür klopfte. Sie zuckte zusammen. Wer konnte das jetzt noch sein? Jakob? Den hatte sie heute nicht einmal von weitem gesehen. Sie hatte ihn vermisst, fiel ihr auf.
Doch draußen stand nicht Jakob unter den Sternen.
Es war ihr korrekter Bruder Ralf, in jeder triumphierend erhobenen Hand ein fettiges, tropfendes Päckchen.
„Hier gibt es überall Fischbrötchen!“ verkündete er strahlend. Es klang, als hätte er persönlich soeben das achte Weltwunder entdeckt.
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Anmerkung: Hier geht es Mitte August weiter.

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19. Holzweg

Carly, steif vom langen Liegen, drehte sich mühsam auf den Rücken, sah in den Himmel. Sie fühlte sich als wäre sie lange unterwegs gewesen. Die Welt um sie herum war zu ihrem Erstaunen unverändert. Eine Weile konzentrierte sie sich darauf, ruhig Luft zu holen. Sie fühlte sich überraschend leicht. Dieser lang vergangene Tag war in alter Lebendigkeit aus seinem Grab unter den Teppich auferstanden, und es war ihr nichts passiert! Sie hatte sich nicht in diesem Blau aufgelöst.
Trotzdem hatte sie für heute genug von allem Blau.

Sie wandte sich vom Meer ab. Vom Himmel auch. Statt die Richtung nach Naurulokki einzuschlagen, überquerte sie die Straße. Hier begann der einzige Weg in den Wald, den sie Ahrenshooper Holz nannten. Es war ein Urwald, naturbelassen. Die Sonne malte einzelne Lichtflecken auf den schmalen Pfad, doch die alten Baumkronen waren so dicht, dass der Himmel kaum zu ahnen war. Selbst die Luft schien grün. Für einen Moment dachte Carly, die Erde bewege sich, bis sie bemerkte, dass sich junge Blindschleichen auf dem Weg sonnten. Von ihren Schritten aufgeschreckt, schlüpften sie in die dunklen Ritzen der gefallenen Bäume oder zwischen altes Laub. Carlys Gedanken taten es ihnen gleich. Hier gab es weder Gelb noch Blau, das Grün und die tiefen Schatten taten ihr wohl. Kein Meeresrauschen wagte sich hierher, und der Wind, der in den Ästen erzählte, war ein anderer als am Strand. Sie verbannte die Gesichter und die Stimmen ihrer Eltern für den Moment hinter dieses Grün und diese Stille, folgte dem Pfad geradeaus.

Doch auf dieser Halbinsel führten offenbar alle Wege zu den Toten. Ihr fiel ein, dass in genau diesem Wald vor Jahrzehnten ein bekannter ansässiger Künstler verschwunden war. Verschwunden, genauso wie Joram. Synne hatte ihr davon erzählt. Man rätselte noch heute was aus ihnen geworden war. Im Bodden ertrunken, sagte man, oder von den Russen erschossen und im Wald vergraben. Carly blieb stehen. War da nicht ein Rascheln gewesen? Es wurde dunkler, oder war nur der Wald hier so dicht? War sie überhaupt allein hier? Das Kribbeln in ihrem Nacken kam nicht nur von ihrem Sonnenbrand. Die alten Baumstämme wirkten wie stille Figuren, auf einmal sah sie Gesichter in ihnen und Arme, die lautlos in alle Richtungen griffen. Von der Straße draußen, von dem Dorf und den Touristen war nichts mehr zu ahnen, der Urwald war eine Welt für sich. Für einen Augenblick fragte sie sich, ob diese Welt noch da sein würde, wenn sie der Wald wieder verließ. Falls sie den Weg hinaus überhaupt fand. Da fiel ihr ein, dass es ja nur diesen einen Weg gab, und selbst dieser war eine Sackgasse. Er hörte kurz vor der anderen Seite des Waldes einfach auf, wie eine Geschichte, die zu Ende ist. Sie hatte sich das am ersten Tag auf der Karte angesehen. Verirren konnte sie sich also nicht.

So unheimlich es hier war, so sehr faszinierte sie dieser Ort. Es lag ein schimmernder und gleichzeitig dunkler Zauber darüber, eine herausfordernde Verwunschenheit, Geheimnis und Verführung. Außerdem hatten die Bäume auch das Meer verschluckt, und diese Abwechslung tat ihr wohl. Sie ging tiefer in den Wald, fühlte sich dabei wie Rotkäppchen, doch statt dem Wolf traf sie drei Hirsche, die vor ihrem Schritt die Flucht ergriffen, bevor sie ihnen nahe genug gekommen war, um mehr als ihre fernen Silhouetten zu sehen. Auf einem gefallenen Stamm ruhte sie sich eine Weile aus, stellte sich vor, einen Baum zu sein, der hier wuchs. Hier, nur hier, das ganze Leben lang, von Anfang an, durch alle Jahreszeiten, Frost, Hitze, die Wurzeln immer tiefer in das Land treibend, im Gespräch mit dem Wind, vom Sturm ungebrochen bis auf ihren letzten Tag, in den sie fiel. Der Gedanke war angenehm. Carly dehnte ihn aus, vergaß die Zeit, bis die inzwischen tief stehende Sonne einen schrägen Strahl zwischen den Stämmen hindurch mogelte. In dem Lichtkegel tanzten funkengleich Mücken, und nun wünschte sich Carly, eine von ihnen zu sein, lautlos, selbstvergessen und leicht auf der Dämmerung kreisend. Sie trat näher, entdeckte, dass dieses filigrane Ballett über einer tiefen Pfütze stattfand. Das Wasser darin war braun und doch glasklar. Sie sah gelbe Blätter auf der Oberfläche treiben, erste Herbstblätter, und auf dem Grund lagen andere, ebenso in Farbe und Form unversehrt. Ein Echo von Grün und Blau schaukelte als Spiegelung dazwischen: ein zweiter, tieferer Himmel. Es war wie ein Abbild dessen, was sie in den letzten Tagen erlebt hatte.
„Die Lebenden treiben auf der Oberfläche“, dachte Carly, „doch die Toten, in der Tiefe ruhend, haben nichts von ihrem Leuchten und ihrer Wirklichkeit verloren. Es ist nur nicht mehr ihre Zeit, aber das heißt nicht, dass ihre Zeit an Gültigkeit verloren hat. Die Stimmen meiner Eltern, ihre Gesten, ihre Anwesenheit waren wahr und sind es noch, nur anders. Jorams und Hennys Gedanken sind so gegenwärtig wie die goldenen Blätter dort unten im Schlamm. Rory, Teresa, Valerie schimmern klar sichtbar auf dem Grund meiner Erinnerung.“
Carlys Spiegelbild schwebte irgendwo zwischen den oberen und den gesunkenen Blättern, sah beiden ins Auge, bis sie ihre Hand in das kühle Wasser tauchte. Die Bewegung zog die lebendigen Blätter von der Oberfläche in einen Strudel; die auf dem Grund blieben hell in der Stille liegen.
Merkwürdig beglückt beschloss sie, den Waldweg heute nicht zu Ende zu gehen. Es wurde zu dunkel. Sie kehrte um und sah auf dem Rückweg so viele interessante Wurzeln und Äste liegen, in denen sich angedeutete Gestalten fanden, dass sie Jorams Gegenwart deutlich zu spüren glaubte, es war, als ginge er neben ihr und wiese sie darauf hin. Am liebsten hätte sie die kleineren Stücke alle mitgenommen, doch sie dachte an den Haufen Holz im Keller, und daran, dass sie das Haus räumen und nicht füllen sollte. Nur ein geschwungenes Wurzelstück über das sie stolperte, behielt sie dann doch in der Hand, denn es ähnelte so deutlich einer fliegenden Möwe, dass sie nicht widerstehen konnte.

Fast widerstrebend trat sie auf die Straße hinaus, entschlossen, möglichst bald wieder diesen Wald zu besuchen, der wie ein Lebewesen war, freundlich und gefährlich zugleich.
Sie war müde, doch wie berauscht von den Geschichten, in die sie heute geraten war, und beschloss daher, noch einen Umweg an Daniels Laden vorbei zu machen. Zwar waren die Geschäfte schon geschlossen, aber Daniel hatte die Angewohnheit, abends oft noch in dem Strandkorb zu sitzen, der in dem kleinen Vorgarten stand. Dort servierte er manchmal auch besonderen Kunden Teeproben.
Tatsächlich saß er auch jetzt da, nippte an einem dampfenden Becher Tee und beobachtete die dunkelrosa Wolken, die über den Kiefern Richtung Westen unterwegs waren.
„Störe ich?“ fragte Carly.
„Hallo Carly!“ Er klang eher erfreut. „Magst du dich setzen?“
So ein Strandkorb war etwas Gemütliches. Die Schale seines Daches stutzte den Himmel auf ein handliches Maß zurück. Aus ihm heraus störte das Blau ihren Blick nicht mehr, außerdem war es jetzt samten sanft. So geborgen in der Muschel aus Korbgeflecht, in Daniels tröstlicher Gesellschaft, in der Hand die warme Teetasse, die er ihr wie selbstverständlich gereicht hatte, beschloss Carly, jetzt und für immer auch mit dem gleißenden mittäglichen Blau Frieden zu schließen.
„Heute habe ich einen alten Tag wiedergefunden“, erzählte sie.
„Alter Tage sind wie guter Tee“, sagte Daniel. „Ihr Aroma bleibt erhalten. Man mag es oder man mag es nicht, aber diese indischen Blätter zum Beispiel erzählen auch nach Jahren in einer Dose noch von der Sonne, in der sie gewachsen sind, und von der Erde, die sie ernährt hat.- Und, war er bekömmlich, dein Tag?“
„Besser als ich dachte.“
„Das freut mich.“
„Übrigens, ich wollte fragen, ob du unter Umständen Interesse an einem Regal hättest, das Joram gemacht hat. Nur für den Fall, dass die nächste Besitzer die Möbel nicht übernehmen möchte. Ich finde, es würde wunderbar in deinen Laden passen.“
„Interesse auf jeden Fall, aber ich bin kein Krösus.“
„Na ja, Elisa muss die Teile erst schätzen, aber mit Thore kann ich reden. Er ist Teetrinker. Für einen Korb deiner besten Sorten würde er dir das Stück bestimmt überlassen.“
„Sehr gerne.“ Inzwischen war es stockdunkel geworden, nur ein schwaches Echo vom Sonnenuntergang stand noch über den Kiefern. Daniel stand auf und zündete eine Fackel an, die ein paar Schritte entfernt im Sand steckte. Kaum saß er wieder neben Carly, tanzten schon weiße Motten um die Flamme.
Wie die Fragen in meinem Kopf, dachte Carly. Der Erinnerung, um die sie lange furchtsam und fasziniert gekreist war wie die Insekten um das Feuer, war sie heute begegnet, und sie hatte sich nicht verbrannt. Aber es war noch so vieles offen. Sie war noch nicht schwimmen gegangen. Sie konnte schon. Mit Orje und Miriam war sie oft genug im Schwimmbad gewesen, hatte ganze Nachmittage am und im Wannsee mit ihnen verbracht. Aber dort konnte man das andere Ufer sehen. Hier gab es nur das randlose Blau, und sie fürchtete sich davor. Sie hatte darüber auf ihrem Blog geschrieben, und Orje hatte geantwortet: „Du musst ja auch nicht im Meer schwimmen – freu dich einfach wieder auf den Wannsee.“
Aber Carly wusste, es gehörte zu den Dingen die sie einfach tun musste. Sie war es ihrem Vater schuldig, und sich selbst.
„Flieg, Fischchen.“ Er hätte es von ihr erwartet. Außerdem lockte die blaue Weite sie, jede Welle rief nach ihr. Es ging ihr mit dem Wasser wie den Motten.

Und dann war da noch das Geheimnis um Joram. Joram in den sie auf seltsame Weise ein bisschen verliebt war. Wenn schon ihr Vater nie wiedergekommen war, so wollte sie wenigstens herausfinden, was mit Joram passiert war. Viel Zeit blieb ihr dafür nicht mehr.
„Wann und wo hast du Joram eigentlich das letzte Mal gesehen?“ fragte sie in die behagliche Stille hinein.
Daniel starrte nachdenklich in sein Teeglas.
„Das war oben am Darßer Ort. Am Strand beim Leuchtturm. Er stand und sah aufs Meer hinaus, als hätte er dort etwas Bestimmtes entdeckt. Ich habe ihm einen Gruß zugerufen, aber ich glaube er hat mich nicht gehört. Es war stürmisch. Außerdem war das bei ihm nicht ungewöhnlich. Manchmal war ihm nicht nach Reden.“
„Wusstest du, dass er einen Zwillingsbruder hatte, der als Kind gestorben ist?“
„Wirklich?“ Daniel fischte eine Mücke aus seinem Tee. „Nein. Interessant. Er wirkte auf mich immer wie jemand, der nicht ganz ganz ist. Das klingt jetzt blöd, aber es fiel mir auf, weil ich seine Möbel eben deshalb so schön finde, weil sie besonders ganz scheinen. Ganz in sich komplett, ganz rund und ganz richtig. Ist schwer zu beschreiben.“
„Ich weiß was du meinst“, sagte Carly. „Mir geht es genauso. Man berührt sie gern und fühlt sich wohl in ihrer Nähe. Ich dachte, Joram müsste so ähnlich gewesen sein.“
„Wenn du mehr über Joram wissen möchtest, unterhalte dich doch mal mit Flömer. Kennst du Flömer schon?“
„Flömer? Nein, wer ist das?“
„Flömer ist ein alter Kapitän. Er ist 94 Jahre alt und hat jedes einzelne davon hier am Ort verbracht, wenn er nicht auf See war. Heutzutage ist er ein wenig schweigsam geworden. Aber es lohnt sich sicher, ihn anzusprechen, wenn du Fragen hast. Du findest ihn eigentlich immer im Althäger Hafen. Denn solltest du dir sowieso ansehen, das ist ein Ort, der dir gefallen wird.“
Er sagte das mit so viel Gewissheit, als ob er sie schon eine Ewigkeit kannte.
„Und wie komme ich dahin?“
„Am besten mit dem Fahrrad. Nimm den Weg, der an der Kirche vorbei Richtung Bodden führt. Er beschreibt einen Bogen am Bodden entlang und endet direkt am Hafen. Eine wunderschöne Tour.“
„Und wie heißt Flömer mit Nachnamen?“
„Flömer ist sein Nachname. Niemand weiß, wie er mit Vornamen heißt. Wahrscheinlich hat er ihn selbst vergessen. Du wirst ihn daran erkennen, dass er ein Stück Kreide hinter dem Ohr trägt.“
„Kreide?“
„Frag ihn am besten selbst, warum“, meinte Daniel.

Irgendwo hinter dem Strandkorb klapperte etwas.
„Daniel?“
Synne tauchte in einem weißen Kleid aus dem Dunkel auf wie ein dünnes und fröhliches Gespenst. „Ach, Carly, da bist du! Ich hab schon bei dir geklingelt. Elisa ist von ihrer Reise zurück. Sie hätte übermorgen Zeit, sich die Bilder und Möbel anzusehen. Daniel, ich brauche etwas von Elisas Tee. Wenn sie morgen merkt, das in der Galerie keiner mehr ist, ist mein Job wahrscheinlich Geschichte. Dann kann ich Orje in Berlin beim Streichen helfen.“
Sie klang nicht, als ob das eine Katastrophe wäre.
„Ist das so ernst mit euch?“
„Tja, also mit Orje schon. Berlin… nein ich kann mir nicht vorstellen, nach Berlin zu ziehen.“
„Ich geh dir mal den Tee holen“, sagte Daniel.
Synne setzte sich auf einen Stein. Mit ihren langen Haaren und dem Kleid sah sie im Fackellicht aus wie die kleine Meerjungfrau.
„Glaubst du, Orje würde hierher ziehen?“
Carly überlegte. Sie dachte an die Fiedlerinsel. An Oma Jule und die vielen Nichten. An Orje auf dem Dahlemer Weihnachtsmarkt, an Orje an einem Sommerabend auf dem Kudamm.
„Ich weiß es nicht. Wenn er liebt, ist bei ihm alles möglich. Aber ich kenne niemanden, der so sehr Berliner ist wie Orje. Der würde immer Berliner bleiben, selbst wenn er dich heiraten, mit dir 10 Kinder bekommen und den Rest seines Lebens hier verbringen würde.“
Synne hielt einen Ast in die Fackelflamme.
„Was ist es nur, dass uns Menschen manchmal einen Ort mit solcher Zärtlichkeit lieben lässt, dass wir unser ganzes Leben daran hängen? Nichts wird mich hier weg bewegen, nicht einmal Orje. Wie ist das mit dir und Berlin? Oder hast du noch einen anderen Ort? Ich hatte eigentlich von Anfang an das Gefühl, du passt genau hierher. Im Gegensatz zu den Touristen.“
„Die Frage stellt sich nicht. Astronomen werden hier nicht gebraucht. Ob ich an Berlin hänge, weiß ich selbst nicht.“
„Das mit Orje, das ist wirklich ernst.“ Fast hätte sich Synne die Finger verbrannt, eilig ließ sie den Stock in den Sand fallen.
„Du sollst nicht immer kokeln“, sagte Daniel streng. „Hier ist Elisas Tee.“ Er drückte ihr eine Tüte in die Hand. „Und jetzt, Kinders, so nett eure Gesellschaft auch ist, gehe ich nach Hause.“
Synne sprang auf.
„Carly, kann ich Elisa sagen, dass übermorgen o.k. ist? Kann sie da die Bilder sehen, so um 10?“
„Das wäre wunderbar. Es wird höchste Zeit, dass ich vorankomme mit Naurulokki. Danke.“

Wenn Carly gewusst hätte, dass sie erst im Dunkeln nachhause kommen würde, hätte sie eine Taschenlampe mitgenommen. Es war so dunkel auf dem Grundstück, das sie schmerzhaft gegen die Treppe stieß, nachdem sie sich den Weg zum Haus hinauf getastet hatte. Vor der Tür lag ein kleiner Stapel Post. Als sie im Flur das Licht einschaltete, hatte sie für einen Moment den Gedanken, es sei möglich, Henny und Joram zu überraschen – vielleicht für einen Moment einen Blick auf ihre sonst unsichtbare Anwesenheit erhaschen zu können. Doch es fielen nur ein paar Dahlienblätter aus dem Strauß zu Boden.
Carly legte die Post in die Küche, kuschelte sich dankbar in Hennys Jacke, in der sie sich inzwischen zuhause fühlte, und betrachtete das mövenförmige Holz, das sie im Wald mitgenommen hatte. Auf Hennys Werktisch fand sie eine Öse, die sie in den Rücken der Möwe bohrte, und ein Stück Sandpapier, mit dem sie die Oberfläche sorgfältig glättete. Im Flur über der Haustür war ein leerer Haken an der Decke. Der hatte sie schon von Anfang an gestört. Jetzt malte sie der Möwe mit Bleistift noch dezente Augen, und hängte sie triumphierend so auf, dass die Tür gerade noch aufging, ohne dagegen zu stoßen.
„Hier hast du Wind zum Fliegen. Und wenn jetzt jemand reinkommt, der nicht hierher gehört, kannst du was fallen lassen“, sagte Carly.
Jetzt merkte sie erst, wie müde sie war. Kein Wunder. Sie hatte ja auch eine Zeitreise gemacht. Aber Hunger hatte sie auch. Sie machte sich ein Käsebrot, ohne sich extra hinzusetzen, und sah beim Kauen die Post durch. Eine weitere Mahnung von einem Zeitschriftenversand, eine Einladung zu einer Vernissage in einem Künstlerhaus, ein Kleiderkatalog, und eine Postkarte. Ob Thore ihr aus Ägypten geschrieben hatte? Unwahrscheinlich. Er hatte noch nie eine Postkarte geschrieben. Aber er hatte ihr auch noch nie einen Blumenstrauß geschenkt.
Doch die Karte war nicht aus Ägypten. Sie war aus Dänemark. „Skagen“ stand unter dem Bild.
Carly kannte die Schrift auf der Rückseite.
Und der Text begann mit „Liebe Henny“ und endete mit „Fortsetzung folgt, Joram.“

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18. Blumen mit Wirkung

Carly hatte den würzigen Seewind immer noch in der Nase und das hohe braune Segel vor Augen, als sie nachmittags in der Küche vor ihrem Laptop saß und auf den Blog schrieb. Sie wollte ihre Gedanken sortieren und Orje, der mit Peer und Paul schon wieder sicher in Berlin gelandet war, auf den neuesten Stand bringen. „Erzähl mir alles über Herrn Schnug!“ hatte er beim Abschied gesagt. „Dieses Haus ist mir auch schon sympathisch. Man möchte, dass es in gute Hände kommt.“
„Schade, dass Papa es nicht behält“, sagte Peer. „Hier könnten wir tolle Ferien machen!“
Nach dem Bootsausflug hatte Carly ihnen das Haus gezeigt. Die Dachzimmer gefielen ihnen, die von Joram gezimmerte Garderobe, die hölzerne Gans und der Keller. Das Reetdach mit den Windbrettern und die geschnitzte Haustür. Es hörte sich so richtig an, als ihre Schritte über die Treppe tobten und ihre noch kindlichen Stimmen um die Ecken hallten. Als wären sie immer schon hier gewesen. Carly sah förmlich vor sich, wie Henny mit ihnen Kerzen bastelte, wie Joram im Keller das Treibholz mit ihnen sortierte.
„Wir können ja nochmal mit ihm reden!“ meinte Paul hoffnungsvoll.
„Oder wir bleiben und vergraulen den Herrn Schnug“, schlug Peer vor.
Orje zog ihn am Ohr. „Dann kommt ein anderer“, sagte er. „An eurer Stelle würde ich den Ball flach halten nach eurem ungenehmigten Ausflug.“
Aber Carly wusste, sie würden es trotzdem versuchen. Viel Glück, dachte sie, und schämte sich ein wenig dabei.
„Denn diesen Gedanken des Vergraulens hatte ich auch“, schrieb sie in den Blog. Eigentlich hätte sie alles andere tun sollen als hier am offenen Fenster sitzen und ihren Gedanken nachhängen.
„Das wird selbstverständlich noch entsorgt“, hatte sie mit aufgesetzter Souveränität zu Herrn Schnug gesagt, als er angesichts der Papierstapel auf dem Schreibtisch zusammengezuckt war. „Ich musste mich zuerst um dringendere Angelegenheiten kümmern.“
Wie der Schreibtisch wirklich aussah, wusste sie immer noch nicht, es war ja kein Quadratzentimeter frei.
„Wenn der Herr Schnug so gewesen wäre, wie ich ihn mir vorstellte – hochnäsig und steif, Porschefahrer im Lacoste-Shirt, dann hätte ich diesem kindischen Ich vielleicht nachgegeben“, schrieb Carly. „Aber er fuhr einen alten Käfer. Er hatte nette Augen und dieses Lächeln. Und zu allem Überfluss kam er mit einem Dahlienstrauß.“
Orje zuliebe unterschlug sie die Tatsache, dass Herr Schnug ihren Dank für den wirklich schönen Strauß zurückgewiesen hatte. „Den Auftrag, Ihnen diese Blumen zu überreichen, gab mir Herr Sjöberg, als wir uns auf dem Flughafen kennenlernten“, erklärte er.
Entwaffnet steckte Carly ihre Nase in die Blüten, damit er ihre Verlegenheit nicht sah. „Verflixt, Thore!“ dachte sie. Er wusste, dass sie Dahlien mochte. Vielleicht hatte er einfach nur nett sein wollen, aber ebenso wahrscheinlich war es, dass er ahnte, wie ihr zumute war, und das Schnug-Vergraulen geschickt verhindern wollte.

Am Ende lag es aber nicht an dem Strauß, dass sie Herrn Schnug nicht nur bereitwillig herumführte sondern ihm auch einen von Daniels besten Tees servierte.
„Er war so offen und so hin-und hergerisssen“, schrieb Carly. „Das Haus gefiel ihm, aber es ist zu klein. Er stand in der Stube und stieß sich fast den Kopf an der Decke, hatte eigentlich kaum Platz, sich zu bewegen. Er meinte, er bräuchte ein großes Büro. Und erzählte, seine Frau hätte Möbel geerbt, die sie hier gerne unterbringen würde.“
„Schade“, hatte er gesagt und sich anerkennend umgesehen. „Hier sind wundervolle Möbel. Aber die könnte ich leider nicht übernehmen.“
„Es gibt wahrscheinlich bereits einen Interessenten dafür“, beruhigte Carly ihn widerstrebend. „Eine Galerie im Ort. Der Künstler hat sich hier einen Namen gemacht.“ Sie brachte es nicht fertig, von Joram in der Vergangenheitsform zu sprechen. Wenn er noch lebte… außerdem war er so anwesend. Carly war sich sicher, dass er lauschte, irgendwo aus den Schatten unter dem Dach, prüfend ob der Herr Schnug des Hauses würdig wäre: ob er wohnen konnte. „Wohnen ist eine Tätigkeit“, hatte Joram an Henny geschrieben. Seit sie Naurulokki liebgewonnen hatte, gab Carly ihm Recht. Vor lauter Wohnen war sie kaum zum Arbeiten gekommen.
Zum Glück schien der Herr Schnug nicht pingelig und wirkte obendrein so, als verstehe er tatsächlich zu wohnen. Allerdings wahrscheinlich nicht hier. Er war zu groß und zu bewegungsfreudig. Im Gegensatz zu Thores filigranen Gesten waren die des Herrn Schnug ausladend. Sie benötigten Raum, ebenso wie seine Stimme, die vernehmlich gegen die Wände stieß.
„Ich hoffe, Professor Sjöberg findet bald einen Käufer für dieses wunderschöne Anwesen“, sagte er zum Abschied und schüttelte ihr die Hand schmerzhaft nachdrücklich. „Vielen Dank für den Tee – wo, sagten Sie, ist dieser Laden?“
Carly gab ihm Daniels Karte.
Den Strauß ordnete sie in der unregelmäßigen Vase mit dem geheimnisvollen Kormoranzeichen an und überlegte, wer wohl demnächst sein Leben lang Sträuße in den Flur von Naurulokki stellen würde.
„Wer auch immer es sein wird, ich hoffe, sie sind so nett wie der Herr Schnug und haben ein Gefühl für schöne Plätze, für Häuser – für dieses Haus. Und ich wünsche mir, dass Jorams Möbel bleiben dürfen“, schrieb sie in ihr Blog.
„Das hoffe ich auch“, kommentierte Orje dort wenige Minuten später. „In dem Haus ist irgendwie – Musik. Stille Musik. Es spricht mich auch an. Aber ich denke, du kannst zuversichtlich sein. Solche besonderen Orte ziehen meist nur diejenigen Menschen an, die das auch spüren und zu schätzen wissen. Bis dahin genieße es einfach. Du hast ja noch ein paar Wochen Zeit.“
Carly schaltete den Laptop aus. Genau. Da war noch Zeit. Darum würde sie auch erst morgen das Gebirge auf dem Schreibtisch in Angriff nehmen. Es war ein langer Tag gewesen, ein Tag voller Stimmen. Orje, Jakob, Anna-Lisa und die Jungs. Herr Schnug. Aus den Schatten, unhörbar gegenwärtig, Joram.
Hatte nicht der Herr Schnug vorhin kritisch die welken Rosen betrachtet, Hennys weiße Rosen, die an der Loggia rankten und am Tor? Sie würde dem Abend Gesellschaft im Garten leisten und sich darum kümmern. Das gehörte schließlich auch zu ihren Aufgaben. Neben dem Fenster hing eine Gartenschere, dort, wo man von außen durch das offene Fenster nach ihr greifen konnte, wenn man sie eben mal brauchte und nicht extra ins Haus gehen wollte. Genau dort hätte Carly sie auch hingehängt. „Ach Henny“, dachte sie, „wir hätten uns bestimmt gut verstanden.“ Sie vermisste Teresa so sehr. Mit ihr hätte sie wunderbar über ihre Gefühle für Naurulokki, für Henny und Joram reden können. Teresa hatte so etwas immer ohne viele Erklärungen begriffen, hatte Geschichten daraus gesponnen, und dann gewann alles eine Leichtigkeit und eine neue Perspektive.
In der Dämmerung leuchteten die gefallenen Blütenblätter auf dem von Orje gemähten Gras, zeigten an, wo es verwelkte Köpfe abzuschneiden gab. Carly dachte an Abraham Darby und ob Orje vielleicht gerade dabei war, ihn zu gießen.
Außer Abraham vermisste sie nichts an Berlin.
Oben am Hang schnitt sie auch noch den verwelkten Schmetterlingsflieder, zog ein paar vertrocknete Vergissmeinnichtpflanzen aus dem Boden, richtete umgefallene Astern auf. Tau glitzerte auf einmal, ihre Socken wurden feucht. Es duftete nach Heidekraut, Kiefern und Meer. Im Wind trieben gedämpft die Rufe verschlafener Möwen. Drüben schimmerte Licht in Jakobs Fenstern. Durch die offene Haustür Naurulokkis sah sie unter der Lampe im Flur als Schattenriss den Dahlienstrauß in der bauchigen Vase stehen. Niemand wollte in diesem Augenblick etwas von ihr. Die Vergangenheit und die Zukunft schliefen schweigend irgendwo hinter dem dunklen Horizont, streuten ausnahmsweise kein Bild in ihre Gedanken. Unten am Tor stieg Nebel aus der Senke auf, verwischte die weißleuchtenden Sterndolden der wilden Möhre. Hätte jemand Carly und die Zeit genau in diesem Moment eigefroren, hätte sie nicht dagegen einzuwenden gehabt. Sie stellte sich das als ein Bild vor, gemalt von Henny und unverrückbar aufgehängt unter dem sturmfesten Reetdach.

An nächsten Morgen schließlich setzte sie sich vorsichtig auf den altersschwachen Stuhl in dem winzigen Büro, der ganz bestimmt nicht von Joram gemacht worden war, und betrachtete die Papierstapel auf dem Schreibtisch. Der nahm den halben Raum ein. „Am besten einfach anfangen“, sagte sie sich. Sie hatte eine Sperrmülltüte mitgenommen und verbrachte die nächsten zwei Stunden damit, Werbung darin zu versenken, alte Zeitungen, gebrauchte Briefumschläge. Einige Mahnungen über unbezahlte Bücher und Blumenerde sowie eine Wassernachzahlung steckte sie in ein Kuvert, das sie gleich an Thore adressierte. Besser, das nicht noch länger liegen zu lassen.
Als sie einem Stapel Abrechnungen in einen leeren Ordner heftete, fiel ein Bündel Weihnachtskarten von der Tischecke und mit ihnen eine kleine hölzerne Schachtel. Sie war eindeutig von Joram geschnitzt. Auf dem Deckel befand sich ein Astloch, das deutlich schon einem Gesicht mit einem Augenzwinkern geähnelt hatte, ehe Joram mit ein paar einfachen Schnitten eine Weihnachtsmannmütze ergänzt hatte.
Carly strich über das Holz, lächelte über das Augenzwinkern und öffnete den Deckel. In der Schachtel befand sich feiner Sand – und natürlich ein Zettel von Joram.
„Das ist Reservesand für den Weihnachtsmann, wenn es am Nordpol so glatt ist, dass die Rentiere nicht richtig rennen und starten können. Der geht aber auch als Schlafsand, damit du weihnachtlich träumen kannst. Einen frohen vierten Advent, Fortsetzung folgt, Joram.“
Carly stellte die Schachtel nebenan in das fast leere Bücherregal. Nach einer weiteren halben Stunde Post sortieren schmunzelte sie immer noch vor sich hin. Der Sand für den Weihnachtsmann hatte ihre Konzentration völlig aufgelöst. Sie dachte an Joram, an Rentiere, dann an Träume, und plötzlich wurde ihr erst wirklich klar, dass sie am Vortag tatsächlich auf einem Boot unterwegs gewesen war. Die Tage davor war sie mehrmals am Strand gewesen. Gestern war sie mit den anderen auf den Wellen und dem Wind geflogen. Sie war weit gekommen in den wenigen Tagen hier, auch wenn sie noch nicht schwimmen gewesen war. Dafür war noch Zeit. Auf einmal fühlte sie sich leicht: voller Triumph und Verblüffung über sich selbst, Dankbarkeit gegenüber Jakob und Orje und Thore, die ihr das alles ermöglicht hatten, und Glück über ihre neue Freiheit. Es hielt sie nicht mehr im Zimmer. Jorams rennende Rentiere weckten in ihr den Wunsch, zu laufen.
Der Übermut ließ sie wieder einmal ihre Schuhe vergessen. Aber wozu Schuhe, wenn es so warm war. Inzwischen war es Mittag, einer dieser windstillen Spätsommertage, die trotzig noch einmal alle Hitze des Sommers versammeln. Sie lief die Straße hinunter, rannte nun tatsächlich, weil der Asphalt so heiß war und dann wieder, weil das Rennen zu ihrer Stimmung passte. Es war so viel passiert; sie musste sich selbst einholen.

Der kleine Übergang zum Strand war fast versperrt, so viele Fahrräder waren dort abgestellt. Es würde unschön voll sein da unten, bei diesem Wetter, um diese Tageszeit. Carly bog nach rechts ab auf den grünen Weg unten am Deich entlang, der eingerahmt war von Sanddornbüschen, die schwer an ihren reifen Beeren trugen. Es duftete nach ihnen, und nach Sonnenwärme auf Kiefern. Hier lief es sich angenehm, auf Gras und gefallenen Kiefernnadeln. Sie rannte weiter, weil es sich gut anfühlte und hier niemand war, der sie sah. Erst als sie außer Atem war, verließ sie den Weg, lief die Düne hinauf durch ein Birkenwäldchen und entdeckte oben eine sandige Kuhle zwischen blühenden Heckenrosen. Was für ein wunderbarer Platz zum Ausruhen. Schnaufend ließ sie sich bäuchlings hineinfallen.
Direkt vor ihren Augen schwankten zwei Löwenzahnblüten im Wind.
Zwei knallgelbe Punkte nebeneinander im gleißenden Mittagslicht, genau vor dem silberdunstigen Horizont.

Von einem Atemzug zum anderen waren über zwei Jahrzehnte ausgelöscht. Carly war wieder sechs Jahre alt, lag an einem heißen, windstillen Tag bäuchlings im Sand und beobachtete zwei gelbe Punkte, die sich auf den dunstigen blauen Streifen zubewegten, an dem sich Himmel und Meer trafen. Es musste wunderschön sein dort, vielleicht konnte man vom Wasser aus direkt ein Stück in den Himmel fahren.
„Bring mir einen Seestern mit, so einen ganz großen!“ hatte Ralph den Vater beauftragt.
„Mir auch einen Stern!“ hatte Carly eilig angefügt. Für sie waren Seesterne die Samen von den Sternen, die vom Himmel fielen wie die Nüsse zuhause vom Baum. Dass sie nicht leuchteten war ja klar, diese Sterne waren ja noch klein. Logisch fand Carly auch, dass man genau dort, wo man vom Meer in den Himmel fahren konnte die meisten davon finden würde.
„Mensch, Carly“, lachte Ralph, „Mama und Vater fahren doch nur bis zu der Insel dahinten, dort soll es ganz große Seesterne geben.“
„In zwei Stunden sind wir wieder da. Naja, vielleicht auch in drei.“ Vater stand im Wasser. Obwohl Carly eigentlich schon zu groß dafür war, schwangen Tante Alissa und Mama sie an den Händen hin und her. „Flieg, Fischchen“ sagte Vater und Carly wurde losgelassen und flog direkt in seine Arme. Er drehte sich mit ihr einmal im Kreis, so dass ihre Zehen das Wasser aufspritzen ließen und sich für einen Augenblick ein Ring silberner Tropfen um sie beide erhob. Dann stellte er sie am Strand ab. „Wir müssen los, Katja“, sagte er. „Sonst müssen wir die Kajaks noch eine Stunde länger bezahlen. Danke, dass du auf die Kinder aufpasst, Alissa.“
„Sehr gerne, Felix, das weißt du doch!“ Tante Alissa strahlte Vater immer an, wie sie sonst niemanden anstrahlte. Sie war meistens ernst, aber wenn Vater da war, war sie anders, irgendwie heller und leichter.
Die schmalen gelben Boote, in die immer nur ein Mensch hineinpasste, lagen bereit. Vater hatte sie von Fred geliehen, der nicht nur Boote verlieh sondern auch leckeres Bananeneis verkaufte, das seine Frau machte.
„Zieh die Schwimmweste an!“
„Du weißt doch, dass ich die Dinger nicht mag.“
„Und du weißt, dass man sie trotzdem anzieht. Auch du“, lachte Vater und küsste sie.
Fred kam dazu, sah auch nochmal nach ob die Schwimmwesten richtig saßen und gab dann den beiden Booten einen ordentlichen Schubs aufs Wasser hinaus. „Für Ralph und Carly hatte er ein Bananeneis mitgebracht.
Weil die Boote so gelb waren und die Schwimmwesten auch, konnte man sie immer noch als Punkte im Blau sehen, als das Eis alle war.
„Sie müssen an der Insel vorbei fahren und landen auf der Rückseite, vorne ist kein Strand. Da wachsen nur Mangrovenbäume“, erklärte Tante Alissa.
Schließlich wurden die Punkte so klein, dass sie in dem Blau verschwanden. „Jetzt haben sie den Himmel und die Sterne gefunden“, meinte Carly zufrieden.
Ralph schüttelte nur den Kopf über seine kleine Schwester. „Tante Alissa, hilfst du mir die Luftmatratze aufblasen?“
Es dauerte, bis sie mit der kleinen Plastikpumpe genug Luft in die Matratze bekamen. Dann schipperten Ralph und Carly lange darauf herum, während Tante Alissa am Ufer nach Muscheln suchte und dabei aufpasste, dass sie nicht zu weit abtrieben. Als sie müde waren, gingen sie rauf ins Hotel, tranken Limonade und aßen Donuts. Tante Alissa verteilte sorgfältig neue Sonnencreme auf ihnen beiden. „Ich kann das doch alleine!“ wehrte sich Ralph. „Lass uns wieder runtergehen, sie müssen bald zurück sein. Ich will sehen, wie viele Seesterne sie mitgebracht haben!“
Das Licht draußen war weicher geworden, die Sonne stand tiefer, auch wenn die Tage lang waren und sie noch lange nicht untergehen würde. Die Möwen und Pelikane, die vorhin in der brütenden Mittagshitze geschlafen hatten, waren munter geworden und jagten nach Fischen. Am Strand waren wieder mehr Touristen. Am Horizont war nur ein Segelboot zu sehen. Carly fing an, eine Sandburg zu bauen. Nach einer Weile kam Fred, diskutierte mit Tante Alissa, tippte auf seine Armbanduhr und ging wieder.
„Dann müssen sie wohl doch noch eine Stunde bezahlen“, meinte Tante Alissa. „Typisch Katja, sie kann einfach nicht pünktlich sein.“
Carly buddelte einen Graben um ihre Sandburg und füllte mit ihrem kleinen Eimer Wasser hinein. Wenn ihre Eltern noch nicht mit den Sternen kamen konnte sie Ralph vielleicht überreden, ihr einen Krebs für den Graben zu fangen. Als Burgungeheuer, sozusagen. Ein Burggespenst war ja schwer zu fangen, besonders bei Sonnenschein.
Aber Ralph war nicht in der Stimmung und auch Tante Alissa sah noch ernster aus als sonst. Sie starrten nur noch auf den Horizont. Fred kam wieder, mit Sorgenfalten auf der Stirn und noch einem Bananeneis für die Kinder. Carly wunderte sich. Zwei Eis an einem Tag, das hatte es noch nie gegeben. Vielleicht war Fred ein bisschen vergesslich. Während sie das Eis schleckten, starrte Fred auch auf den Horizont, diesmal mit einem riesigen Fernglas, das Carly gar nicht gefiel. Es war schwarz und bedrohlich. Ralph konnte es kaum halten, als er auch hindurchsehen wollte. Den Rest vom Eis hatte er in den Sand fallen lassen. Nach einem weiteren Wortwechsel und erneutem Tippen auf die Uhr sprach Fred in eine Art Telefon mit einer Antenne, das knisterte und knackte. Er sagte etwas von „Küstenwache“.
Tante Alissa setzte sich zu Carly und half ihr, die Burg mit Muscheln zu dekorieren, aber ihre Stimme war seltsam hoch und ihre Hand zitterte.
„Ich will dass Mama kommt!“ sagte Carly.
„Es kann sein, dass sie erst morgen kommen. Vielleicht wollen sie auf der Insel übernachten. Das wäre doch ein tolles Abenteuer“, sagte Tante Alissa mit dieser ungewohnten Stimme. „Auf jeden Fall wird es spät. Ich werde dich jetzt ins Bett bringen.“ Inzwischen stand die Sonne schon tief und rot über dem Horizont. Am Himmel knatterte ein Hubschrauber, und draußen waren Boote mit grellen Lichtern unterwegs.
Das Burggespenst war jetzt doch da. Es saß irgendwo klein und hart und kalt in Carlys Magen und flüsterte ihr zu, dass die beiden winzigen gelben Punkte, die mit ihren Eltern im Blau verschwunden waren, nicht wieder größer werden und näherkommen würden. Heute nicht und morgen nicht.
Sie aß nie wieder etwas, das nach Bananen schmeckte.

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17. Licht auf dem Wasser

„Ich dachte, du solltest Naurulokki räumen und nicht den Dachboden eines Henning Weritz“, meinte Orje, der versuchte, im Rückspiegel über den Haufen Gegenstände auf dem Sitz neben Anna-Lisa noch etwas zu sehen.
„Aber ich freu mich so über die Lampe für mein Zimmer!“ Anna-Lisa hüpfte kindlich auf der durchgesessenen Bank auf und ab. „Und Papa werden die hölzernen Hechtbuchstützen genauso gefallen, die Carly für ihn ausgesucht hat. Vielleicht auch, weil Carly sie ausgesucht hat,“ fügte sie verschmitzt an.
„Und Thore braucht natürlich unbedingt das Buch über Himmelskunde von 1725 mit Ledereinband und Goldschnitt.“ Orje grinste Carly an.
„Ich konnte es doch nicht dort vergammeln lassen!“ protestierte sie. „Und dass ich das Bild von Henny haben musste, ist doch klar.“
„Schade, dass er nicht wusste, wie sein Vater dazu kam. Immerhin war er fair, was die Preise angeht. Und die Walze ist ein Glückstreffer.“
„Oma Jule wird staunen, wenn du damit ankommst. Musst du wirklich heute nacht schon zurück nach Berlin?“
„Ich muss doch morgen arbeiten. Nachher treffe ich mich noch kurz mit Synne, und dann geht’s los.“
„Kommst du bald wieder?“ fragte Anna-Lisa von hinten.
„Bestimmt. Jetzt kann Friederike Shanties, da muss ich ja ab und zu ans Meer mit ihr.“
„Es war gut, dass du da warst“, sagte Carly leise.

Jeder aus einem anderen Grund zufrieden, trugen sie ihre Beute den Hang hinauf. Auf halbem Weg blieb Carly so plötzlich stehen, dass Orje ihr mit der schweren Walze in den Rücken puffte.
Auf der Treppe vor Naurulokkis Haustür saßen zwei allzu vertraute Figuren. Sie sahen genau gleich aus und durften gar nicht da sein. Peer und Paul! Allein schon ihre Silhouetten versetzten Carly einen Stich; sie waren Thore allzu ähnlich. Ihre Locken, ihre Gesten, ihre Art, zu laufen. Nur, dass sie jetzt schon einige Zentimeter größer waren als er. Als sie Carly bemerkten, stürmten sie ihr auf langen, dreizehnjährigen Beinen entgegen und redeten wie immer gleichzeitig auf sie ein.
„Endlich! Wir haben auf dich gewartet!“
„Wir wollten dich besuchen…“
„…und mal ans Meer…“
„….und das Haus sehen, ehe es verkauft wird…“
„…und Cousine Conny musste weg, und wir mögen doch den Hans nicht…“
„…da dachten wir…“
„…wir sind mit dem Bus gefahren, war ganz einfach..“
„…und dem Hans haben wir ja auch einen Zettel hingelegt.“
„Hunger haben wir jetzt aber auch!“

„Da ist es ja gut, dass ich eine Menge Pizza im Ofen habe“, sagte Jakob, der unbemerkt herübergekommen war und Anna-Lisa eine Jacke um die Schultern gelegt hatte, amüsiert in die plötzliche ratlose Stille hinein.
„Ihr seid abgehauen?“ Carly fand ihre Stimme wieder.
„Den Hans stört das bestimmt nicht, und wir haben doch aufgeschrieben, wo wir sind. Papa hat doch nie was dagegen, wenn wir bei dir sind!“ Sogar ihre Stimmen waren wie ein helleres Echo ihres Vaters.
„Er hat ganz bestimmt was dagegen, dass ihr allein durch die Gegend fahrt und nicht vorher gefragt habt. Und ich übrigens auch!“
„Komm schon, Carly. Nur für einen Tag. Du zeigst uns das Haus, wir gehen schwimmen, und morgen Nachmittag können wir zurückfahren. Obwohl, der Bus ist ganz schön teuer!“ Paul hängte sich bei ihr ein. Carly fragte sich, wie genau er wohl wusste, dass sie gegen seinen Augenaufschlag so gut wie machtlos war – weil es Thores Augen waren. Sogar die vertraute Stirnfalte war ansatzweise auf der glatten Kinderstirn zu ahnen.
Inzwischen gesellte sich auch Synne zu dem lebhaften Grüppchen auf dem Rasen. „Ich wollte dich abholen“, sagte sie zu Orje. „Was haben wir denn hier für zwei nette junge Herren?“
„Peer und Paul“, seufzte Carly. „Freunde aus Berlin. Ausgebüxt.“
„Ach herrje. Soviel Besuch gab es zu Hennys Zeiten nicht auf Naurulokki. Vielleicht solltest du ein Hotel daraus machen. Orje, ich wollte dich fragen, ob du nicht einen Tag länger bleiben kannst. In Wustrow eröffnet eine Freundin von mir morgen einen Laden, und ich dachte, du könntest da vielleicht spielen.“
Peer und Paul waren nicht die einzigen mit einem überzeugenden Augenaufschlag, dachte Carly. Sie hatte eine Eingebung und fügte ihren eigenen Blick gleich hinzu. „Orje, das wäre toll, dann könntest du die beiden Ausreißer gleich mit nach Berlin nehmen!“
„Das könnte ich auch jetzt gleich.“
„Nein. Sie sind hungrig und müde und gehören nachts nicht auf die Autobahn. Ich bin mir sicher, du hast Überstunden, die du abbummeln kannst. Ruf deinen Chef einfach an. Da drüben an der Hausecke hast du den besten Empfang.“
Orje sah sich in der Runde um. Synne betrachtete ihn sehnsüchtig, die Jungs strahlten ihn voller Hoffnung an, Carly blickte hilfesuchend und Jakob ermunternd.
Wortlos trollte er sich um die Ecke und kehrte bald zurück. „Geht in Ordnung!“

„Dann habe ich einen Plan!“ verkündete Jakob. „Wir essen jetzt alle gemeinsam bei uns Pizza. Danach machen Synne und Orje sich einen schönen Abend, die Kinder packen wir ins Bett, und ich entführe Carly noch eine kleine Weile, weil ich ihr etwas zeigen möchte.“
„Aber wir haben doch noch gar nichts gesehen. Es sind Ferien, da müssen wir noch nicht ins Bett.“
„Stop!“ Jakob hielt die Hand hoch und siehe da, es herrschte erwartungsvolles Schweigen. „Erstens habe ich nichts von gleich gesagt. Zweitens, wenn ihr rechtzeitig schlafen geht, lade ich euch alle morgen früh zu einer Zeesbootfahrt auf dem Bodden ein.“
Carly wurde unbehaglich bei der Vorstellung, aber begeisterter Jubel erstickte ihren Protest.
„Können wir dann wenigstens im Zelt schlafen?“ wollte Paul wissen.
„In Ordnung. Ich mach mich klein“, lachte Orje.
„Alles klar. Es gibt hier genug Decken. Und ich sage jetzt schleunigst in Berlin Bescheid.“ Carly war froh, dass sie die beiden nicht in Hennys Zimmer einquartieren musste. „Ihr braucht mich aber morgen nicht zum Bootfahren. Ich muss mich doch um diesen Herrn Schnug kümmern!“
„Der kommt doch erst nachmittags. Dann sind wir zurück,“ versicherte Jakob.

Jakobs Pizza schmeckte nach Sommer und Sorglosigkeit. Es blieb kein Krümel übrig, und eine großzügige Portion Eis folgte.
Orje holte Friederike. „Wenn ich morgen spielen soll, muss ich die Walze aber ausprobieren.“
Mit Begeisterung kurbelte er „Rolling home“ „Ick hew mol en Hamburger Veermaster sehn“ und „Wir fahren übers weite Meer“ in den Sommerabend, der heute, fand Carly, schon ein wenig nach Herbst roch. Es wurde bereits früher dunkler als noch vor einigen Tagen. Sie hatte das Gefühl, die Zeit flöge mit den Tönen davon, und sie hätte sie gern festgehalten, mitsamt den lachenden Gesichtern, dem Duft nach Salz und Gras und Kräutern, mit dem Leuchten der späten Pusteblumen in der Dämmerung. Und mit den Stimmen. Orje hatte angefangen zu singen, Synne stimmte ein und Jakob fügte seinen Bass hinzu, in dem so ein wunderbares Grollen lag. Carly liebte Gewitter; wenn sie Jakob zuhörte, hatte sie stets das Gefühl, eines stünde tief und bereit am Augusthimmel.
„Unser Schiff gleitet stolz
durch die schäumenden Wellen.
Es strafft der Wind
unsre Segel mit Macht.
Seht ihr hoch droben
die Fahne sich wenden..“

Carly dachte an morgen. Wenn sie sich nicht mit Jakob und Orje auf ein Boot wagte, das noch nicht einmal auf dem Meer sondern nur auf dem Bodden fuhr, dann würde sie sich nie trauen. Kneifen galt nicht. Mit etwas Glück würde sich die Macht des Windes morgen in Grenzen halten.
Wohin sich aber ihre Fahne letztendlich wenden würde, wenn ihr kurzer Aufenthalt hier vorbei war, blieb dann trotzdem offen.

Peer und Paul waren in ihrer Begeisterung, hier zu sein, so lieb zu Anna-Lisa, dass diese über ihre Schwärmerei für Orje fast hinweggetröstet wurde. Carly beobachtete halb besogt, halb belustigt, wie sie dem thoreschen Charme ebenso erlag wie einst Carly selbst. Wie hätte Anna-Lisa auch eine Chance gegen die doppelte Ausführung haben sollen?
Zufrieden mit sich selbst und müde von der Seeluft waren die drei ziemlich leicht ins Bett zu bekommen. Orje und Synne verkrümelten sich schon vorher. Jakob betrachtete Carly fragend.
„Auch müde – oder noch Lust auf einen ganz kleinen Ausflug?“
„Müde – aber zu neugierig, um nein zu sagen.“ Wenn die Zeit schon wegfliegt wie die Schwalben, will ich sie wenigstens ganz ausnutzen, dachte sie.
Er fädelte sich durch den dichten Verkehr auf der einzigen, schlecht beleuchteten Hauptstraße, an den kleinen Dörfern Born und Wieck vorbei, bog irgendwo auf einen stockdunklen Pfad ab. Vor einem Sperrschild ließ er den Wagen stehen und stieg aus. „Komm! Und pass auf, wo du hin trittst.“
Er hatte eine erstaunlich helle Taschenlampe mit, die den schmalen Sandpfad, der mitten durch den Wald führte, einigermaßen beleuchtete. Als sie stolperte, nahm er ihre Hand. Kurze Zeit später blieb sie erschrocken stehen, als das Röhren eines Hirschs durch die Bäume hallte.
„Das war längst nicht so nahe, wie es klang. Außerdem haben die Angst vor uns“, erklärte Jakob. „Aber es wirkt immer wieder beeindruckend.“
„Überraschend. Aber ich mag es, seit ich weiß, was es ist. Es ist als ob das Land eine Stimme hat. Oder vielleicht auch nur der Herbst.“
Er zog anerkennend an ihrem Mützenschirm. „Ich glaube, du gehörst schon halb hierher.“
„Morgen kommt der Herr Schnug“, sagte sie halb zu sich selbst.
„Vergiss den Herrn Schnug. Wir sind gleich da. Wie spät ist es?“
Carly entzifferte ihre Uhr. „Dreiundzwanzig Uhr zwanzig. Warum?“
„Perfekt. Komm!“ Ungeduldig zog er sie einen Abhang hoch. Die krummen Kiefern hörten auf, plötzlich standen sie oben auf einer Düne. Der Wind hieb ihr die Haare ins Gesicht, ungeduldig steckte sie sie unter der Mütze fest. Vor ihnen rollten weiße Brandungsstreifen auf sie zu. Von links kreiselte ein breiter Lichtstrahl über das Wasser heran, beleuchtete für einen Augenblick Jakobs Umriss in seinem dicken Fischerpullover, dessen Fusseln silbern aufglänzten, und wanderte weiter in den Wald.
„Der Leuchtturm am Darßer Ort“ erklärte Jakob. „Der ist jetzt ganz nahe, wir stehen östlich davon. Und dort ist die Seebrücke, siehst du?“
In der Ferne ragte sie ins schimmernde Wasser wie ein knochiger Finger der Küste, erkennbar nur durch die Laternen, die an ihr befestigt waren. Heute morgen hatte sie Carly noch Angst gemacht, jetzt war sie eine alte Freundin.
„Pass auf, gleich geht es los!“ Jakob legte, wie Thore so oft, einen kameradschaftlichen Arm um ihre Schultern. Er bot durch seine Größe einen hervorragenden Windschutz, was in Thores Fall nicht funktioniert hätte. Carly brachte es fertig, nicht zusammenzuzucken, obwohl aufgrund dieser vertrauten Geste eine scharfe Sehnsucht nach Thore sie unvermittelt in den Magen traf. Jakob schien es zu spüren und nahm den Arm wieder fort, um damit in die Ferne zu zeigen. „Schau, die Fähre!“
Hell erleuchtet zog das riesige Schiff am Horizont entlang wie eine Erscheinung.
Und dann knallte es, die Wellen glühten erst tiefrot, dann grün auf. Gleichzeitig setzte Orchestermusik ein, die angenehm gedämpft und gefolgt von einem kleinen Echo über das Wasser hallte. Jetzt fiel es Carly ein. Die Seebrücke war ja gesperrt worden, weil das Feuerwerk aufgebaut wurde! Sie liebte Feuerwerk, aber dass das am Meer unendlich viel beeindruckender wirkte als in Berlin, darüber hatte sie natürlich nie nachgedacht.
Großartig stiegen die Funkenbilder und Lichtfontänen in den Himmel, synchron zu der mal bombastischen, mal leisen Musik. Leuchtkugeln explodierten, streuten bunte Sterne in den dunklen Himmel, malten sogar Schmetterlinge. Es war so ganz anders, ein Feuerwerk völlig ohne Stadt herum, die mit ihren Lichtern davon ablenkte. Was Carly am tiefsten verzauberte aber war die Art, wie sich die Farben in den Wellen spiegelten, die ganze riesige Wasserfläche golden, silbern, blau, rot und grün im Wechsel aufleuchten ließ. Dazwischen Dunkelheit, als stünde sie mit Jakob im leeren Raum. Und dann wieder ein zitternder, rauschender Glanz um sie her, während sie die Vibrationen der Musik unter ihren Füßen im Sand spürte.
Jakob und die See hatten ihr ein Märchen geschenkt, und sie ließ sich beglückt und ungeniert in kindliches Staunen fallen. Sie hatte die Zeit festhalten wollen; für einen Moment war es so – solange der hölzerne Finger der Seebrücke wie im Größenwahn die Nacht bemalte.

Zurück auf Naurulokki standen wieder nur die Sterne am Himmel, die dort hingehörten. Das Sommerdreieck zwinkerte auf das Zelt herunter, aus dem Carly ruhiges Atmen hören konnte. Herkules würde bald für dieses Jahr hinter dem Horizont verschwinden; auch ein Zeichen, dass der Sommer zu Ende ging.
In der Nacht träumte sie von glühend bunten Wellen, über die sie in einem Boot mit knatternden Segeln fuhr, und sie konnte nicht über Bord gehen, weil ein Mann in einem Fischerpullover sie fest hielt.

Das Segel knatterte nicht, als sie am nächsten Morgen in dem kleinen, malerischen Hafen standen und Jakob einem nach dem anderen die Hand reichte, um sie auf Boot zu ziehen. Der Wind, so behauptete Jakob, war genau richtig, nicht mehr und nicht weniger, als man brauchte.
„Warum haben Zeesboote braune Segel?“ wollte Paul wissen.
„Und warum heißen die Zeesboot?“ hakte Peer nach.
„Zeesen nannte man die Schleppnetze, mit denen gefischt wurde. Zeesboote gibt es schon sehr lange. Früher lebte man vom Fischfang. Heute lohnt sich das nicht mehr. Die Fischer haben die Segel früher mit Ockerfarbe, Holzteer, Lebertran, und Gerblauge aus Eichenrinde und Rindertalg imprägniert, um sie länger haltbar zu machen, dadurch wurden sie braun. Die Farbe hat man aus traditionellen Gründen beibehalten. Sie gehören zum Gesicht der Landschaft.“

Carly zögerte, aber Peer und Paul, die schon an Bord waren, beugten sich vor und streckten ihr beide eine Hand entgegen.
So waren es Thores Kinder, die, wie er schon oft, ihr über eine weitere Angst hinweghalfen, die ein weiteres Tabu für immer in den Wind jagten.
Sie hielt den Atem an, als ihre Füße auf dem schwankenden Deck landeten, aber weder die Welt noch das Boot gingen unter, und es wurde auch nicht unaufhaltsam auf das Wasser hinaus gezogen.
Orje stand ruhig neben ihr an der Reling. Seine Gegenwart gab ihr Halt, und nach einer Weile bemerkte sie, dass das Gefühl, auf diesen braunen Segelschwingen gemächlich und leicht über das Wasser zu fliegen, zu ihr passte, als wäre sie dafür geboren.
Es wunderte sie nicht einmal. Es bestätigte ein altes Gefühl, dass sie nur den Tiefen des Teppichs und der Loyalität Tante Alissa gegenüber und wieder hatte abringen müssen.
Die Sonne kämpfte sich zwischen Zügen aus Schäfchenwolken hervor, die den Himmel wie eine Steppdecke überzogen hatten. Flüssiges Licht füllte den Bodden wie eine Erinnerung an das Feuerwerk vom gestern Abend. Hoch über den zwei Masten kreisten Möwen. Gelegentlich sprang ein Fisch.
„Flieg, Fischchen.“
Das hier war wirklich wie Fliegen.
„Na, wie gefällt es dir?“ Jakob, die Hand sicher am Steuer, strahlte zu ihr herunter.
„Wunderbar! Danke!“ Sie sahen sich an, und der Moment dehnte sich. Er war dem Kapitän, von dem sie in Anna-Lisas Alter und darüber hinaus geträumt hatte, so nahe. Sie sah die Frage in seinen Augen.
Doch hinter ihm malte Peer, der Synne etwas erzählte, mit den Fingern in die Luft, auf genau dieselbe Weise wie Thore, wenn er vor der Tafel stand und Vorträge hielt.
Sein Schnürsenkel war offen.
Carly hielt Jakobs Blick stand und schüttelte kaum merkbar und bedauernd den Kopf.
Er lächelte sie ebenso bedauernd an und wandte sich wieder dem Steuer zu.
Weder er, noch Daniel, der oft durch ihre Gedanken trieb, konnte Thores Echo vertreiben.
Nur Joram – dem verschwundenen Joram Grafunder fühlte sie sich seltsam nahe, wann immer sie seine Zeilen las oder mit der Hand über seine hölzernen Werke strich.

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16. Schritte auf der Brücke

„Ich muss nach Hause, Kunden anrufen und Papierkram machen. Und Anna-Lisa sollte ins Bett.“ Jakob sah sich um. „Hab ich irgendwas vergessen?“
„Deinen Brotkorb“, meinte Synne, drückte ihn ihm in die Hand.
„Wenn wir noch was finden, bring ich’s morgen rüber. Danke für den tollen Hecht und den wunderschönen Abend!“ Carly umarmte ihn spontan. Jakob hielt sie einen Moment fest.
„Ich muss auch los.“ Daniel zog seine Jacke an. „Synne, soll ich dich mitnehmen?“
Orje beobachtete Carly und Jakob, lauschte aber gespannt auf Synnes Antwort.
„Nein, Carly will mir noch die Bilder zeigen.“
„Stimmt. Tschüß, Jakob, Anna-Lisa, Daniel. Komm, Synne. Aber sei nicht enttäuscht, es sind nicht viele.“
„Und wenn es nur eins wäre, wäre ich nicht enttäuscht. Aber – sie hat doch immerzu gemalt und wenig verkauft. Es müssten eine Menge Bilder da sein!“
„Der Briefträger sagte auch, sie hätte fast jeden Tag gemalt. Glaubst du, sie hat sie irgendwo ausgelagert?“
„Kann ich mir schwer vorstellen. Oh, wie schön!“ Synne hatte die Leuchtturmszene auf halber Treppe entdeckt.
Sie dort wieder wegzubekommen erwies sich als schwierig. Orje war es schließlich, der sie weiter zu den Schwalben im Gästezimmer lockte, ihr dann die Naurulokki-Bilder in Hennys Zimmer und schließlich die verschiedenen Möwenportraits, Strand-, Wald- und Wiesenszenen im Erdgeschoss zeigte.
„Selbst wenn ich mir eins leisten könnte, ich wüsste nicht, für welches ich mich entscheiden sollte!“ sagte Synne erschüttert. „Gut, dass nicht noch mehr da sind!“
Carly musste lachen. „Wenn du mir eine Liste machst, was für einen Wert sie haben, und ich Thore erzähle wie sehr du damit geholfen hast, macht er dir bestimmt einen Sonderpreis oder schenkt dir eins.“
„Meinst du wirklich?“ Synne drehte ein paar aufgeregte Tanzschritte. Orje betrachtete sie bewundernd. „Dann frage ich gleich Montag Elisa, wann sie kommt und die Bilder schätzt! Und jetzt lasse ich euch in Ruhe.“
„Ich bringe dich nach Hause“, bot Orje an. „Ich brauch noch Bewegung und mehr von der schönen Ostseeluft.“
Carly dachte daran, wie oft er heute schon auf die Leiter gestiegen war, von dem Spaziergang zum Strand, der Kistenschlepperei, dem Rasenmähen und dem Tanzen ganz abgesehen.
„Der Hecht hatte ja auch so viele Kalorien“ meinte sie ernst.
Orje ignorierte sie, hielt Synne höflich die Tür auf. Carly hörte, wie das Treibholzgartentor hinter ihnen zufiel.
Wie sie sich schon an dieses Geräusch gewöhnt hatte! Sie ertappte sich bei dem Gedanken, dass sie es gern den Rest ihres Lebens gehört hätte: Menschen, die täglich kamen und gingen und das hölzerne Tor, dass sie willkommen hieß und freundlich verabschiedete.

So sehr sie den geselligen Abend genossen hatte, so angenehm war jetzt die plötzliche Stille. Carly räumte in der Küche auf, nahm dann ihren Laptop mit in den Sessel in der Bibliothek unter die gemütliche Schmetterlingslampe.
„Ich war am Meer! Mit dem Tageslicht. Und was für ein Licht! Ohne Orje hätte ich das nicht geschafft. Seit heute früh ist alles anders. Für mich ist die Welt viel größer geworden. Keine schwarzen Flecken mehr auf meiner Landkarte. In Zukunft muss ich keine Küste mehr vermeiden. Irgendwie war es vorher, als könnte der Boden zerbröseln, auseinanderfallen, wenn ich dem Meer zu nahe komme und mit ihm den Erinnerungen. Seit dem Sonnenaufgang am Strand ist alles in Bewegung gekommen, ist flüssig, leicht um mich herum. Es macht mir immer noch Angst, aber es ist auch ein wildes Glück, ein Triumph, eine Neugier, die überallhin will. Ich möchte auf ein Boot, ich möchte sogar schwimmen gehen, aber das geht noch nicht, das ist zuviel.
Jetzt muss ich mich auch erst um Naurulokki kümmern. Übermorgen kommt der Interessent, und es graut mir schon davor, einem Fremden das Haus anpreisen zu müssen. Auch wenn ich hier nur Gast bin, aber diesen Moment der ersten Begegnung mit dem Meer, mit den Stimmen meiner Eltern, das werde ich für immer mit Naurulokki und diesem Land hier in Verbindung bringen. In seinem Namen wird mich das Meer für immer an dieses Haus und seine Geschichten, an Henny und ihre Bilder, an Joram und seine Westentaschenharke erinnern und an das verlorene Lachen von Valli, das in Anna-Lisa lebendig ist.“
Draußen schwieg eine inzwischen windstille Nacht. Das schläfrige Rauschen der Wellen klang nicht mehr so fern wie noch gestern. Die Sommersternbilder leuchteten klar: Schwan, Adler und Drache flogen über dem Haupt des Herkules. Das Sommerdreieck war vollständig, ungetrübt von Wolken: Deneb, Wega und Atair standen hell über dem First von Naurulokki.

Carly hinterließ eine Flasche Wasser, einen Apfel und eine Schachtel Kekse in Orjes Zelt, das noch immer leer war.
Sie war froh, dass Synne ihm gefiel. Wie sehr sie Orjes unausgesprochene Hoffnungen mit der Zeit belastet hatten, bemerkte sie erst jetzt. Anscheinend hatte sie Tante Alissas Gewohnheit, Probleme unter den Teppich zu kehren, direkt übernommen. Es war ja auch so praktisch.
Als Freund aber war er unverzichtbar.

Mit dem ersten Licht wachte sie auf, wünschte den Schwalben auf dem Bild einen guten Morgen und schlüpfte eilig in das Kleid von gestern.
Der Reißverschluss von Orjes Zelt war geschlossen. Dahinter klang ein leises Schnarchen.
Sie war schon fast am Deich, als sie bemerkte, dass sie ihre Schuhe wieder einmal vergessen hatte. Aber was machte das hier! Dieser Erde konnte sie gar nicht nahe genug sein, und hier war sie sauber. Es türmten sich keine Hundehaufen, keine Zigarettenkippen, keine leeren Dosen oder kaputten Bierflaschen.
Nicht einmal ihre Angst lag ihr mehr im Weg.
Ein Dunstschleier füllte den Morgen, verwischte den Übergang zwischen Himmel und Meer und zauberte ein weiches Licht, das die Landschaft Hennys Bildern ähnlich machte. Carly lief am Flutsaum entlang, fing an zu rennen, immer noch mit einem inneren Beben, von dem sie nicht wusste wie viel davon Angst war und wie viel Glück. Silbern stob das Wasser unter ihren Schritten auf.

Orje deckte auf der Terrasse den Frühstückstisch, als sie sich durch das Treibholztor einließ. Zufrieden betrachtete er den nassen Saum ihres Kleides.
„Hier, hab ich dir mitgebracht.“ Sie steckte ihm etwas in die Tasche seines Hemdes: keine Harke, sondern eine große weiße Muschel, die einen Streifen in den Farben des gestrigen Sonnenaufgangs trug.
„Danke!“
„Nein. Ich wollte dir danke sage. Du hast mir das Meer geschenkt – und noch so einiges andere.“
Er sah ihr in die Augen. „Und dank dir habe ich Synne kennengelernt. Wir haben bis zum Morgen geredet. Ich weiß nicht, was daraus wird, aber etwas ist – anders. Neu.“
„Du glaubst nicht, wie mich das freut.“
„Und Jakob?“ fragte Orje.
Carly dachte an den leisen Donner in Jakobs Stimme, dem sie ewig zuhören konnte, und daran, wie richtig sich seine Mütze auf ihrem Kopf anfühlte.
„Vielleicht“, sagte sie.
„Sagte Oma Jule nicht, am Meer findet man mehr, als man denkt?“
Sie hielten sich eine Weile fest. Es war ein Abschied und ein Neuanfang.
„Lass uns frühstücken“, sagte Orje schließlich etwas heiser. „Und zieh dir vorher etwas Trockenes an!“
„Du wirst wohl nie aufhören, auf mich aufzupassen, was?“
„Worauf du dich verlassen kannst!“
Sie lief zurück und gab ihm einen Kuss. Jetzt konnte sie es. „Dem Himmel sei Dank!“

Die Meeresluft machte erstaunlichen Appetit. Gerade wollte sie in ihr Brot mit der duftenden Sanddornmarmelade beißen, die Daniel ihr mitgebracht hatte, als in der Küche ihr Handy klingelte. Hastig angelte sie durch das Fenster danach. Vielleicht meldete sich Thore endlich! Sie wollte ihm so dringend erzählen, dass sie am Meer gewesen war.
Ohne ihn wäre sie nie hierher gekommen. Unvorstellbar!
Doch als sie die Stimme hörte, verschluckte sie sich.
„Tante Alissa!“
Carly schnitt eine verzweifelte Grimasse. Orje betrachtete sie interessiert. „wie geht es dir… prima …ja, ich weiß dass der Empfang schlecht ist! Nein, nicht mir ist schlecht, es geht mir wunderbar, der Empfang ist schlecht…die Hinterhöfe, du weißt doch… bei Orje im Hof, ja…“ Carly gestikulierte wild, zeigte auf Friederike und machte Kurbelbewegungen.
Orje verschluckte ein Lachen und tat ihr den Gefallen, spielte ein Bruchstück „Berliner Luft“.
„Hörst du, Orje und Friederike grüßen dich…ja, ich weiß, die Luft bei dir auf dem Berg ist besser als die Berliner. Genieße sie…ich melde mich…tschüß, Tante Alissa!“
Carlys Appetit war vergangen. Bekümmert betrachtete sie das Marmeladenbrot. „Ich konnte es ihr nicht sagen. Nicht so am Telefon. Sie würde keine Nacht schlafen bevor sie mich nicht wieder in Berlin wüsste.“
„Ich denke, im Moment hast du das Richtige getan. Iß dein Brot.“
„Ich habe sie angelogen.“
„Das ist eine sogenannte weiße Lüge. Im Moment besser für alle Beteiligten. Wenn du zurück bist und sie dich gesund vor sich sieht kannst du eine Beichte ablegen. Jetzt kümmerst du dich erst um deinen Job, und um dich selbst. Wir haben nämlich was vor. Lektion zwei.“
„Lektion zwei?“ Carly war in Gedanken noch bei Tante Alissa.
„Wir gehen auf die Seebrücke. In Zingst. Ich spiele dort heute anlässlich des Seebrückenfestes, deswegen bin ich doch hier.“
„Die Seebrücke?“
„Eine Seebrücke ist kein Boot. Sie schwankt nicht, du kannst nicht herausfallen und nicht untergehen und bist doch auf See, weit über dem Wasser. Die in Zingst ist 270 Meter lang, aber wir gehen nur so weit wie du möchtest. Und dann noch drei Meter mehr.“
„Okay. Seebrücke. Wenn du meinst.“ Carly hatte Zweifel. Sie konnte sich nicht wirklich etwas darunter vorstellen. „Wo führt sie hin?“
„Zu gar nichts. Man nähert sich ein Stück dem Horizont, verlässt ein Stück den Strand. Man flaniert. Und dann kehrt man wieder um. Man kann auch eines der Schiffe besteigen, die dort anlegen. Aber heute fährt keins.“
„Eine Brücke, die nirgends hinführt? So was bauen Menschen? Klingt angenehm verrückt.“
„Naja. Für manche ist es nur ein Platz zum Anlegen. Für andere ein Weg zu Träumen, zu einer Pause vom Alltag, zum Himmel, ohne fliegen zu müssen. Zu einem unverstellten Blick, zu Weite und Wellen ohne seekrank zu werden. Und für wieder andere einfach nur ein Platz, um Souvenirs zu verkaufen.“
„Und für dich?“
„Ich – ich werfe dort meine Musik in den Wind und die Träume der Brückenläufer und frage mich, wo sie wohl landet.“
„Hört sich gut an.“
„Dann mach dich fertig. Ich lade schon mal Friederike ins Auto.“

Als Carly das Tor hinter sich schloss, saß Anna-Lisa schon auf dem Rücksitz.
„Wir nehmen Anna-Lisa mit, Jakob hat es erlaubt“ sagte Orje.
„Fein!“
Auf dem Weg nach Zingst staunte Carly über die Vielfalt der Landschaft auf dieser schmalen Halbinsel. Sie fuhren durch einen regelrechten Urwald, passierte wunderschöne Wiesen und erhaschten Blicke auf kleine Häfen. Hier gab es viel zu entdecken. Alles sprach sie merkwürdig an, als hätte es ihr etwas dringendes zu sagen.
Orje fing plötzlich an zu singen. „My Bonnie is over the Ocean…“ Carly sah im Rückspiegel, wie Anna-Lisa ihm einen bewundernden Blick zuwarf und mit einstimmte. Auf einmal fühlte sie sich leicht. Seit Orje hier war, bemerkte sie erst richtig, dass es Sommer war, Ferienzeit. Ferienstimmung. Tante Alissa und die Teppichfragen nahmen nicht mehr allen Platz ein.
Orje hielt an einem Parkplatz, mitten in einem belebten Ort.
„Gut, dass wir so früh sind“, sagte er. „Später hast du hier keine Chance! Wir lassen Friederike erst mal im Auto, gehen auf die Seebrücke, essen was, und dann such ich mir einen Platz zum Spielen.“
So lang hatte Carly sich die Seebrücke nicht vorgestellt. Zweihundertsiebzig Meter klingt nicht viel, wenn man es als Zahl hört. Aber wenn es ein Weg ist, unter dem sich nur Luft und bewegtes Wasser befinden, vor dem man sich bis gestern noch zutiefst gefürchtet hat, scheint es der Anfang der Unendlichkeit.
Schnurgerade führte dieser zerbrechliche hölzerne Weg zum Horizont, wies unerbittlich darauf wie ein langer Finger. Am Ende lag der Himmel.
Zwischen den Planken sah Carly bei jedem Schritt den Abgrund und das Meer.
„Sieh nicht nach unten! Guck nach vorne!“ sagte Orje, nahm sie bei der Hand. Anna-Lisa war fröhlich vorausgelaufen, ihre Schritte hallten auf dem Holz.
Carly konzentrierte sich auf die Wolken. Eine sah aus wie eine Schildkröte, die bald von einem galoppierenden Fohlen überholt wurde. Der Wind frischte auf, zerrte an ihren Locken. Sie wünschte, sie hätte Jakobs Mütze aufgesetzt. Kälter wurde es auch, und das Licht heller, blendete fast. Rund um sie herum glitzerten und plätscherten die Wellen, ein Chor gespiegelter Sonnenstrahlen.
Orje nahm sie bei der Hand und sie versuchte, ruhiger zu atmen. Die Luft roch so frisch, schmeckte salziger, freier, ganz anders, machte gierig, immer mehr und tiefer davon zu kosten.
Und dann war der ungewöhnliche Weg zu Ende. Endete an einer beruhigend soliden hölzernen Reling, an der Anna-Lisa und andere Menschen lehnten und sich an der Weite nicht satt sehen konnten.
„Dreh dich um“, sagte Orje.
Fern, erstaunlich fern lag das Land hinter ihnen. Der Strand nur ein heller Streifen, die Menschen darauf hektische Ameisen und die Häuser Perlen hinter der Dünenkette. Davor das Meer, nur Meer.
Sie standen mitten im Meer, nur darüber, und sie fühlte sich gleichzeitig unsicher und großartig.
„So ähnlich muss es für eine junge Schwalbe sein, wenn sie zum ersten Mal fliegt“, sagte sie, streckte in ihrem Übermut die Arme zum Himmel. Sofort war sie von einem Schwarm kreischender Möwen umringt.
„Die denken, du willst sie füttern“, sagte Anna-Lisa lachend.
„Hier!“ Orje steckte Carly zwei Kekse zu. Sie warf einen Krümel nach dem anderen in den Wind und staunte, wie geschickt die Möwen sie im Flug fingen.
„Wenn Henny hier wäre, würde ich sie bitten, mir ein Bild davon zu malen,“ sagte sie. „Von dem Weg, der in den Himmel zeigt. Von der Brücke, die zu den Möwen führt. Von diesem Tag, der auch eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft ist.“
„Wer weiß. Vielleicht findest du noch eins“, meinte Orje. „Komm, dir ist kalt. Wir suchen uns was zu essen.“
Der Weg zurück war viel kürzer. Auf Anna-Lisas Wunsch entschieden sie sich für Pizza statt Fisch, und Orje spendierte Carly hinterher an einem Stand noch eine eingelegte Gurke, „weil das ist wie früher am Grunewaldsee, weißt du noch…?“

Als sie Friederike ausgeladen hatten, stellten sie fest, dass die Seebrücke inzwischen gesperrt war, weil dort das Feuerwerk für den Abend aufgebaut wurde. Aber sie fanden eine geeignete Stelle in der Nähe, am Rande eines runden Platzes. Kurze Zeit später kam ein offiziell aussehender Mann auf Sie zu. „Haben Sie dafür eine Genehmigung?“
Anna-Lisa blickte erschrocken, aber Orje fischte gelassen ein Papier aus seiner Tasche. „Alles klar“, sagte der Ordnungshüter und verkrümelte sich.
Orje spielte „Mackie Messer“ und „Freut Euch des Lebens“ und „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“. Die Töne trotzten dem Wind, fanden ihren Weg in die Gedanken der Menschen und trugen einen Schwung in ihre Schritte.
„Viel geben die aber nicht dafür“, stellte Anna-Lisa beim Blick auf die wenigen Münzen fest.
„Findest du? Sieh in ihre Gesichter“, sagte Orje gelassen.
„Sie lächeln. Ganz viele davon freuen sich. Als ob sie an was Schönes denken.“
„Siehste.“
Anna-Lisa beugte sich vor und sah ihn fragend an. „Du sammelst das Lächeln, oder?“
Er zog sie an einer weißblonden Strähne. „Sozusagen.“

Ein Mann blieb vor ihnen stehen, zog nachdenklich an seiner Pfeife, und wies dann mit dem Stiel auf Friederike.
„Das ist eine Bagicalupo, oder?“
Orje hörte auf zu spielen. „Sie kennen sich aus?“
„Mein Großvater hatte eine. Sagen Sie, sind Sie interessiert an einer Walze? Ich habe eine mit Shanties zu verkaufen. Die passen besser hierher als Ihr Bolle.“
„Warum wollen sie die verkaufen?“
Der Mann reichte ihm die Hand. „Henning Weritz, übrigens. Die dazugehörige Orgel wurde bei einem Scheunenbrand vernichtet. Die Walzen waren im Haus. Die anderen habe ich schon vor Jahren verkauft, aber der, der sie nahm, hatte kein Interesse an Shanties.“
Carly sah das Leuchten in Orjes Augen.
„Ich müsste sie mir ansehen“ sagte er.
„Selbstverständlich. Sie ist in gutem Zustand. Hören Sie, ich will kein Vermögen daran verdienen. Ich fände es schön, wenn sie wieder gespielt wird. Kommen Sie auf dem Rückweg einfach vorbei. Ich wohne in Prerow.“ Er drückte Orje eine Karte in die Hand.

„Meinst du, das lohnt sich für dich? Shanties in Berlin?“ fragte Carly, als sie später Friederike einluden.
„Ich mag das Meer. Du jetzt auch. Ich werde noch öfter herkommen. Oder wir. Es gibt viele Orte wo ich spielen könnte. Und wenn ich Synne vielleicht manchmal besuche…“
„Das ist ein guter Grund.“
Henning Weritz führte sie auf seinen Dachboden, der vollgestopft war mit alten Dingen und Carly beglückte. Die tiefe Abendsonne fiel durch das Giebelfenster und ließ Gegenstände geheimnisvoll aufleuchten. Während die Männer verhandelten, stöberten Anna-Lisa und sie ausgiebig herum.
An einem Holzbalken lehnte ein Bild. Öl, aber klare Farben, feine Konturen. Etwas daran zog Carly sofort an. Sie veragß Anna-Lisa und Orje, ihre Stimmen verschwanden aus ihrer Wahrnehmung. Der Garten in dem Gemälde sah ein wenig aus wie der von Naurulokki. Es war die Atmosphäre, das Licht. Warm und seltsam wild zugleich. Barfuß in einer ungemähten Wiese, vor einer verblühten Sonnenblume und inmitten von Pusteblumen stand eine kleine, zierliche junge Frau vor einem verfallenen Holzschuppen. Sie trug ein schlichtes Kleid und ihr langer brauner Zopf hing über ihre Schulter. Sie sah den Betrachter nicht an, sondern an ihm vorbei in die Ferne.
Carly nahm das Bild in die Hand und betrachtete die Signatur.
Nicholas Ronning, 1967.
Carly drehte die Leinwand um. Schon bevor sie die Bleistiftnotiz sah, wusste sie es.
„Henny Badonin im Garten des Künstlerhaus Lukas“ stand da.

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15. Ein toller Hecht

„Wo fangen wir an mit Aufräumen?“ fragte Orje unternehmungslustig. „Nutze den Tag! Heute hast du einen Sklaven.“
Carly sah sich zweifelnd um. Der Werktisch in der Küchenecke sah am wüstesten aus und der ominöse Herr Schnug wollte bestimmt die Küche sehen.
Nein, er würde alles sehen wollen. Die Bibliothek war vollgestopft bis unter die Decke, und Bücherkisten waren schwer, da war es gut, wenn einer mit anfassen konnte. Dann war da noch das kleine Büro, in das sie bisher nur einen Blick geworfen und es angesichts der Papierhaufen schleunigst ignoriert hatte.
Thore hätte mit den Büchern begonnen.
„Fangen wir mit den Büchern an“ sagte sie also, „im Keller sind Kartons.“
Mit viel Gerumpel, weil dabei ein Stapel Treibholz umfiel, holten sie drei Kartons nach oben. „Thore“ schrieb Carly mit Filzstift auf einen, „Carly“ auf den zweiten und „Antiquariat oder Spende“ auf den dritten.
Weil Carly am besten wusste, was Thore würde haben wollen, reichte Orje ihr die Bücher stapelweise von oben herunter, während sie alles auf die Kartons verteilte. Er war dabei um einiges schneller.
„Wenn du dich immer wieder fest liest, kommen wir nicht weiter. Lesen kannst du das in Berlin!“
„Nee, das hier ist ja für Thores Kiste. Erich Fried, den mag er.“
Orje seufzte, bekam aber unvermutet Unterstützung von Carlys Handy, dessen Klingeln sie aus ihrer Lektüre riss. Sie lief nach draußen, dort war wenigstens rudimentärer Empfang. Orje schmuggelte indes einige Bücher in die Antiquariats-Kiste.
„Das war dieser Herr Schnug!“ sagte Carly bekümmert, als sie zurückkam. „Der will schon übermorgen Nachmittag kommen!“
„Dann lass uns weiter machen!“
Schweigend arbeiteten sie, während vor dem offenen Fenster die Bachstelzen zierlich in der steigenden Spätsommerwärme herumstaksten. Orje wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Du hast Spinnweben um die Ohren“ stellte Carly fest und wischte sie fort. „Ich hole uns was zu trinken.“
„Nein, lass uns Pause machen. Ich muss mal an die Luft. Zwei Drittel haben wir geschafft.“
„Gute Idee. Ich muss auch nachsehen, ob ich Bettwäsche finde, damit ich dir Hennys Bett zurechtmachen kann.“
„Brauchst du nicht. Ich habe mein Zelt mitgebracht. Ich möchte endlich mal wieder in einem Zelt schlafen. Außerdem muss ich es testen. Ob es noch dicht ist und alle Stangen da. Miriam will es sich ausleihen.“
„Ja, sie will nach Dänemark. Mit dir?“
„Um Himmels willen. Und soviel Urlaub habe ich auch nicht mehr.“ Fröhlich pfeifend verschwand er Richtung Auto.

Carly schmierte Brote, rührte eine Zitronenlimonade an. Aus dem Küchenfenster sah sie, wie Orje ein einigermaßen flaches Stück Rasen wählte und großzügig Stangen, Planen und Heringe um sich ausbreitete. Hinter ihm tauchte Anna-Lisa auf. Carly sah, wie Orje Anna-Lisa ernsthaft die Hand schüttelte. Kurze Zeit später steckte Anna-Lisa den Kopf zum Fenster herein. „Orje braucht einen Hammer“ sagte sie wichtig. Es hörte sich an als hätte sie Orje schon seit Jahren gekannt. Carly verkniff sich ein Schmunzeln. So war es immer mit Orje und Kindern. Er konnte mit ihnen umgehen wie der Rattenfänger. Sie händigte Anna-Lisa den Hammer aus.
So glücklich und vertieft wie die beiden mit den Stangen herumhantierten und versuchten, die Heringe tief genug in die sandige Erde zu schlagen, schienen sie nicht hungrig zu sein. Carly wollte sie nicht stören und ging zurück in die Bibliothek, um das letzte Regal auszuräumen. Inzwischen waren die Kartons voll, sie musste zwei weitere hinzu nehmen. Traurig sahen die leeren Fächer aus. Der Blick der hölzernen Wildgans wirkte vorwurfsvoll.
Mit einem abgegriffenen englisch-deutschen Wörterbuch fiel ihr eine Seite aus einem Brief von Joram vor die Füße.
„…es ist wie Melancholie als Sucht für einige Zeit, in der die erschöpften Gedanken wieder Energie aufnehmen können. Ich kann diese Zustände schon aus meiner Kindheit erinnern. Dann habe ich gebastelt anstatt mit den anderen zu spielen. Ich dachte mal, dass Melancholie eine Voraussetzung für Geduld sei und dass man das in den Augen der Menschen sehen könne…“
Aus der Ferne schmuggelte sich Anna-Lisas Lachen zwischen Jorams Worte, die einmal Henny gegolten hatten. Carly hatte das Gefühl, er spräche sie nun zu ihr, stünde hier neben den Kisten. Sie wusste, wie der junge Joram sich gefühlt hatte. Wie oft war sie früher von den anderen fortgelaufen, hatte sich eine Ecke unter der Hecke gesucht, wo sie allein sein konnte mit ihren Gedanken. Als hätte Joram ihre gerade gelesen, fuhr er fort:
„Du sprichst von ‚einsam’ und ‚allein’ sein. Einsamkeit bedeutet für mich absolute Ruhe, in der ich nur ich selber bin oder sein kann. Da stört mich niemand. Alleinsein geht komischerweise inmitten vieler Leute am besten, bevorzugt auf Parties mit Small-Talk – weswegen ich da ja auch nicht hingehe. Es ist für mich eine fremde Welt ohne Substanz darin – rausgeworfene Zeit. Viele behaupten ja, ich lebte zu sehr zurückgezogen – aber ich brauche das, wenn ich kreativ sein will… jemand der nachts um vier auf der Terrasse dem Sturm zuhört ist zuallererst glücklich, später dann müde, aber nicht einsam, nur rein physisch alleine.“
Henny hatte darunter notiert: „Unter Menschen fühle ich mich nicht nur auf Parties alleine – aber im Haus und Garten nie, vor allem seit Jorams Möbel mit mir hier wohnen.“

Nachdenklich steckte Carly den Brief in die Tasche. Von Anfang an hatte sie das Gefühl gehabt, mit Henny vieles gemeinsam zu haben, aber offenbar verhielt es sich mit Joram ähnlich.
Carly war nicht nur gern nachts unterwegs, sie war zeitweise auch gern allein, immer schon, und Parties hasste sie, wie auch die Innenstadt. Je größer das Menschengedränge, je ausgeschlossener fühlte sie sich. Woher das ursprünglich kam, wusste sie nicht. Weil Tante Alissa anders war als die Eltern der anderen, weil Carly nicht in eine Stadt gehörte, weil sie ihren Professor liebte und nicht einen Studenten ihres Alters, weil sie sich nicht für Klamotten interessierte? Egal, sie hatte es hingenommen, wie es eben war. Nur mit Thore war das anders gewesen. Mit ihm hatte sie sich nie im negativen Sinne einsam gefühlt. Die unsichtbare Glaswand, die sie gelegentlich zwischen sich und anderen spürte, war wie aufgelöst wenn sie mit ihm zusammen war. Bedingt war das auch mit Orje so und, vor sehr langer Zeit, mit Ralph.
Heute morgen war sie kurz irritiert gewesen, als Orje auftauchte. Sie genoss jeden Tag auf Naurulokki, das Alleinsein mit den Gerüchen, Farben und Geräuschen im Haus und in der Landschaft und der vorläufige Abstand zu allem, was Berlin für sie bedeutete. Zumindest hatte sie das gedacht. Aber nun fiel ihr auf, wie wohl und gelöst sie sich mit den Menschen hier fühlte – ganz anders als zuhause. Jakob, Anna-Lisa, Synne, Daniel. Sogar der Briefträger. Neu war das und ungewohnt. Aber angenehm.
Hastig wischte sie mit einem nassen Tuch den Staub aus den leeren Regalen, schob die übervollen Bücherkisten in eine ordentliche Reihe und lief in die Küche. Dort belud sie ein großes Tablett mit Broten, Keksen und der Limonade.
„Picknick!“ rief sie, stellte das Essen auf dem Tisch unter der Trauerbirke ab und bewunderte das Zelt, das tatsächlich ziemlich gerade stand.
„Sind wir nicht gut?“ fragte Orje. „Ohne Anna-Lisas geschickte Hände hätte ich das nie fertig gebracht!“
„Phantastisch. Und die Bücherregale sind auch leer!“
„Du hast aber nicht etwa die Kisten geschleppt?“
„Wie denn? Ich krieg sie nicht mal hoch. Außerdem weiß ich nicht, wohin damit.“
„In den Schuppen. Da müsste Platz sein“ meinte Anna-Lisa gelassen.
Carly sah sie entgeistert an. „Schuppen? Es gibt einen Schuppen? Wo?“
„Da oben. Komm.“

Anna-Lisa führte sie den Abhang hinauf, am Haus vorbei, wo oben an der Grundstücksgrenze eine verwilderte Hecke mäanderte. Hinter drei Sommerfliederbüschen, an denen noch einzelne schmetterlingsbesetzte blaue und weiße Blütendolden in den Himmel zeigten, stand eine geräumige Holzhütte.
„Noch schiefer als das Zelt, aber stabil“, stellte Orje fest.
„Hinter die Büsche hab ich noch nie geguckt“ sagte Carly verblüfft. „Gibt es hier noch mehr Geheimnisse?“
„Glaub nicht.“ Stolz öffnete Anna-Lisa die Tür.
„Ein Rasenmäher!“ freute sich Carly.
„Soll ich den Rasen gleich mal mähen? Ich mag den Geruch so! Und hier am Hang ist das gar nicht so leicht“ bot Orje an.
„Das wäre toll. Aber vorher essen wir was. Hier ist wirklich Platz für die Kisten!“
Der Schuppen war erstaunlich aufgeräumt. Bis auf Gartengeräte, zwei leere Farbeimer und einem Gartentisch mit abgeblätterter Farbe, auf dem Samentüten und Saatschalen standen, beherbergte er nur Raum.
Orje nahm den Rasenmäher gleich mit.
„Halt, Orje, da muss noch Benzin rein!“ Eifrig schleppte Anna-Lisa einen Trichter und einen Kanister an. Einträchtig beugten sie sich über den Schraubdeckel.
„Ich geh schon mal den Tisch decken“, sagte Carly belustigt.

Der Platz unter der Trauerbirke hatte es ihr angetan. Er fühlte sich besonders an, richtig. Als hätte sie genau hier Wurzeln wie der alte Baum.
Zu dritt saßen sie um den Tisch und Anna-Lisa füllte beflissen Orjes Glas, sobald er es geleert hatte. Er bedankte sich höflich. Vor dem Tor hielt Jakobs Auto. Carly erkannte es am Motor.
„Dachte ich mir doch, dass du hier bist“, sagte Jakob zu Anna-Lisa. „Wie ich sehe, bist du schon versorgt.“
„Hast du was gefangen?“
„Ja – einen tollen Hecht, und den kann ich unmöglich allein essen! Unterwegs habe ich Synne getroffen und sie für heute Abend eingeladen. Sie will Daniel mitbringen. Und ich dachte, Carly möchte mal einen Boddenhecht kosten. Sie sind selbstverständlich auch eingeladen“, sagte er zu Orje.
„Aber Papa, dann könnten wir ja auch hier grillen, so wie früher mal an meinem Geburtstag mit Joram und Henny.“
„Da musst du Carly fragen. Vielleicht ist es Zeit, dass Naurulokki mal Geselligkeit erlebt.“
Carly fühlte sich von Jakobs guter Laune angesteckt. „Unbedingt“ sagte sie.
Orje warf ihr einen erstaunten und erfreuten Blick zu.
„Da ist es ja gut, dass ich Friederike mit habe“, meinte er.
„Wer ist Friederike?“ fragte Anna-Lisa argwöhnisch.
„Komm mit, ich zeig sie dir“, sagte Orje. „Du wirst sie mögen. Und dann mähen wir den Rasen. Du zeigst mir, wie man den Motor startet, ja?“

Jakob sah ihnen nach. „Da haben sich ja zwei gefunden. Und wie geht es dir?“
„Leere Bücherregale machen traurig. Aber auch ein gutes Gewissen. Heute sind wir voran gekommen.“
„Dann habt ihr ja ein schönes Essen verdient. Ich bring jetzt mal die Einkäufe nach Hause und bereite alles vor.“
„Willst du die Sachen nicht gleich hier lassen? Wenn wir hier grillen, helfe ich dir natürlich. Wir tragen einfach alles in die Küche.“
„Gut, aber den Hecht abschuppen und ausnehmen mache ich bei mir. Das gibt zuviel Unordnung. Ich habe einen Extraplatz im Hof dafür, der ist Kummer gewohnt.“
Zusammen schleppten sie interessante Tüten den Abhang hoch, während Friederike die Töne der „Berliner Luft“ in den Sommerwind mischte.
„Die Berliner Luft hätteste ruhig zuhause lassen können“ rief Carly ihm zu. „Die Ahrenshooper ist viel besser!“
„Eine Walze mit Shanties habe ich leider nicht“, meinte Orje.
„Mir gefällt es!“ strahlte Anna-Lisa, die an der Kurbel drehen durfte und mit wechselndem Tempo der „Berliner Luft“ eine ganz neue Note verlieh.
„Jetzt mähen wir aber den Rasen!“ Energisch zog Orje den Mäher in Position, bemühte sich, den Motor zu starten.
Anna-Lisa musste lachen. „Nee, so musst du an der Schnur ziehen, guck!“
Bald schob Orje den Mäher durch die verwilderte Wiese, malte dabei Herzen und Kringel, während Anna-Lisa ihm vorauslief und Margeriten, Butterblumen und wilde Schafgarbe pflückte bevor sie der Klinge zum Opfer fielen.

Das Wetter blieb sommerlich sanft, der Himmel bis auf ein paar Federwolken ungetrübt, und genauso fühlte sich Carly, während sie Stühle zusammensuchte, einen weiteren Tisch an den unter der Birke stellte und Anna-Lisas Blumenstrauß mitten darauf platzierte. Dafür nahm sie eine bauchige Keramikvase, die sie in Hennys Zimmer gefunden hatte und die ihr so gut gefiel, dass sie Thore fragen wollte, ob sie sie behalten durfte. Sie war offensichtlich handgetöpfert, leicht unregelmäßig, mit einer Form, die ihre Hand immer wieder verlockte, darüber zu streichen, mit einem zarten gräserähnlichen Relief und einer wolkigen, pastellfarbenen Mattglasur. Wenn man sie umdrehte, fanden sich auf dem Boden eingeritzt die Buchstaben PP und ein stilisierter Vogel.
„Weißt du, wer die gemacht hat?“ fragte sie Jakob, der seinen Grill über den nun manierlich glatten Rasen auf sie zurollte.
Prüfend hob er die Vase hoch und betrachtete die Initialen mit der kleinen Zeichnung. „Das ist ein Kormoran“ stellte er fest. „Nein, weiß ich nicht, aber frag doch Synne, wenn es ein ortsansässiger Töpfer ist, weiß sie das.“
Der Hecht war der größte Fisch, den sie je gesehen hatte. Bewundernd sah sie zu, wie Jakob ihn geschickt innen und außen mit Zitrone beträufelte, ihn salzte und pfefferte und dann liebevoll eine Füllung bereitete, während die Gewürze einzogen. Die Art, wie seine Hände mit den Nahrungsmitteln umgingen erinnerte sie an Rory, wenn er auf seinen Instrumenten spielte. Jakob hackte Sardellenfilets, mischte sie mit Hackfleisch und Paniermehl, füllte den Hecht damit und nähte ihn zu. Dann halbierte er eine Menge Tomaten und Paprika.
„Die legen wir einfach mit auf den Grill“, sagte er, „und Kartoffelsalat ist im Kühlschrank. Fertig. Wo ist Orje?“
„Hier!“ Orje und Anna-Lisa kamen mit zufriedenen Minen in die Küche geschlendert, reichlich mit Gras dekoriert.
„Das habt ihr fein gemacht“, lobte Carly, „Da bekommt dieser Herr Schnug gleich einen besseren Eindruck vom Grundstück.“
„Och, Carly, kannst du nicht hier wohnen bleiben?“ fragte Anna-Lisa. „Ich will nicht, das schon wieder jemand weggeht. Und ich will keinen Herrn Schnug.“
Carly musste lachen. „Momentan habe ich nicht mal eine richtige Arbeit, weißt du. Ich kann mir kein Haus kaufen!“
„Aber wir können noch schnell die Kisten in den Schuppen bringen, damit du wenigstens diesen Job fertig bekommst“ meinte Orje.
„Klar!“ stimmte Jakob zu.
Mit Mühe wuchteten sie die Kisten auf die Terrasse. „War da nicht eine Schubkarre im Schuppen?“ fragte Carly.
„Mensch, klar! Komm, Anna-Lisa, wir holen sie!“ Anna-Lisa ließ sich das nicht zweimal sagen und wurde von Orje bald on übermütigem Galopp den Hang herunterkutschiert.
„So habe ich sie lange nicht lachen hören!“ sagte Jakob. „Ihr tut ihr gut.“
„Sie mir auch.“
„Hallo, hallo! Bin ich zu früh?“ Es war Daniel, der mit einer gewaltigen Thermoskanne über den Rasen kam. „Ich habe meinen besten Eistee mitgebracht.“
„Ich habe drüben einen Zettel angehängt, dass wir hier sind“ sagte Jakob erklärend zu Carly. „Nein, du kommst genau richtig zum Kisten schleppen!“
Zu dritt schafften die Männer die Bücher mit der Karre ruckzuck in den Schuppen. „Oder soll ich die Carly-Kiste gleich in mein Auto packen?“ fragte Orje.
„Nein, Thore muss die schon noch mal durchgucken. Ich kann die ja nicht einfach…klauen.“
„Rita wäre dir dankbar.“
„Trotzdem. Im Schuppen ist Platz, das kann dem Herrn Schnug ja wohl egal sein.“

„Die Kohlen sind soweit, der Hecht kann drauf“, verkündete Jakob. Mit Daniels Hilfe platzierte er das duftende Tier auf dem Rost.
„Hallo! Hier riecht es aber gut!“ Synne, in einem wallenden vergissmeinnichtblauen Sommerkleid, schlüpfte strahlend durch die Hecke. „Jakob, auf deiner Terrasse stand noch ein Korb mit Baguette, den habe ich gleich mitgebracht!“
„Ich wusste doch, das noch was fehlt.“ Jakob umarmte sie herzlich. Daniel tat es ihm nach.
Orje verschluckte sich bei Synnes Anblick an einem halbgegrillten Stück Paprika. Belustigt stellte Carly die beiden einander vor. Synne begrüßte Orje höflich, packte dann aber Carly an beiden Schultern. „Carly, bitte, zeigst du mir jetzt endlich Hennys Bilder?“
„Oh, nein!“ sagte Jakob energisch. „Wenn das passiert, kommt ihr eine Stunde lang nicht wieder, und der Hecht ist in fünfzehn Minuten fertig. Das könnt ihr nach dem Essen machen.“
„Hier, koste den Eistee! Meine beste Mischung!“ Daniel drückte Synne ein Glas in die Hand.
Synnes Lachen kullerte hell durch den Garten. „Die wievielte neue beste Mischung ist das diesen Sommer?“
Orje zog Anna-Lisa am Ärmel. „Hilfst du mir, noch Teller zu holen?“ In der Küche klapperte er unnötig laut mit dem Geschirr, fragte allzu beiläufig: „Sag mal, dieser Daniel und Synne, sind die zusammen?“
„Verliebt, meinst du?“ Anna-Lisa schüttelte den Kopf. „Die sind bloß gute Freunde, so wie Carly und du.“
„Du beobachtest aber gut“, sagte Orje.
„Ich will mal Künstlerin werden wie Henny. Aber ich möchte nicht immer nur Sand malen, ich will Menschen malen. Magst du Künstlerinnen?“
„Klar mag ich Künstlerinnen. Ich male ja auch – nur nicht Kunst, sondern eher Dekorationen.“
„Synne mag keine Künstler, glaub ich. Sie schimpft immer, dass die zickig sind“.
Carly, die vor dem Fenster auf der Terrasse noch einen Stuhl holte, schmunzelte. Da bahnte sich ja ein nettes Durcheinander an.
Zusammen fanden sie sich wieder unter der Birke ein. Anna-Lisas Lachen wetteiferte mit Synnes, Jakobs Bassstimme fügte sich dazu mit Orjes Tenor und Daniels hellerer Färbung nahtlos zu einem heiteren Chor, wie ihn Carly kaum um sich kannte. Eine tiefe Zufriedenheit füllte sie, so rund wie der Geschmack des fangfrischen Hechts mit dem Meersalz und der Zitrone und dem rauchigen Aroma der Glut.
„Das ist schön, dass wir hier grillen“, sagte Anna-Lisa. „So sind Joram und Henny auch dabei.“
So einfach war das.
„Jakob hat recht“, dachte Carly „Naurulokki braucht Geselligkeit. So wie jetzt sollte es hier immer sein.“
Was wohl der unbekannte Herr Schnug mit dem Haus anfangen würde? Sie stellte ihn sich ähnlich steif und gebügelt vor wie ihre Schwägerin Christiane. Er feierte bestimmt keine spontanen Grillparties. Entweder übte er Golf auf dem Rasen oder er gab Empfänge und servierte Kaviar.
Aber wenn das stimmte, war er vermutlich auch zahlungsfähig. Und Thore brauchte das neue Dach.
Friederikes Töne holten sie aus ihren Grübeleien. „In Rixdorf ist Musike…“
„Komm, Carly“ sagte Daniel, fasste ihre Hand ehe sie zögern konnte, „hier ist zwar nicht Rixdorf, aber tanzen können wir trotzdem.“
Jakob hatte irgendwo Gartenfackeln aufgestöbert. Die Flammen kämpften in der Dämmerung tapfer gegen den aufkommenden Seewind an.
„Hier, Anna-Lisa, du kannst die Friederike spielen, du weißt ja schon, wie!“ Orje schon sie in Position und legte ihre kleinen Hände auf die Kurbel. „Wenn es zu anstrengend wird, hörst du auf!“
Orje zog Synne mitsamt ihren Schmetterlingsärmeln in den Tanz, während Jakob behutsam Bratäpfel in die verbleibende Glut bettete.
Daniel roch nach Tee, Kräutern und Meer. „Morgen“, dachte Carly, als er sie geschickt um Orjes Zelt herum steuerte, „morgen gehe ich wieder an den Strand.“

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14. Die Westentaschenharke

Ein Geräusch hatte sie geweckt, war durch das offene Fenster aus der bisher lautlosen Nacht in ihren unruhigen Traum gefallen. Sie war froh darüber, irgendetwas darin war ihr wieder unbehaglich gewesen. Erleichtert befreite sie sich von der Decke, lehnte sich hinaus in die Kühle, wo über dem Land der erste Anflug von Dämmerung zu ahnen war. Am Himmel blinzelte die gute alte Venus, der Morgenstern. Eine Erinnerung an Thore flog sie an: „Die Umlaufbahn der Venus ist sehr erdnahe – nur 38 Millionen Kilometer entfernt.“
Die Geräusche kamen vom Nachbargrundstück. Sie sah Jakobs Silhouette: er belud sein Auto. Wenn er um diese Zeit aufbrach, hatte er vor, auf dem Bodden fischen zu gehen. Mehr aus Spaß als um des Verdienstes willen. Er lebte von den Touristen, die er tagsüber mitnahm, obwohl er auch gelegentlich etwas Fisch verkaufte. Carly aber ahnte, dass diese Zeit, die er draußen auf dem Wasser für sich allein hatte, ihm viel bedeutete, ob er etwas fing oder nicht.
Hastig lief sie hinunter, warf sich Hennys Jacke über und packte von den Keksen, die sie gestern zum Abkühlen auf den Blechen hatte liegen lassen, eine großzügige Portion in eine Dose. Sie dufteten gut, prüfend biss sie in einen. Ja, sie schmeckten nach Sommer und Kindheit und Picknicks auf Wiesen. Oder Seen.
Sie hatte ihre Schuhe nicht mit Absicht vergessen, aber das taufeuchte Gras unter ihren Sohlen beglückte sie. Durch ein Loch in der Hecke drückte sie sich nach nebenan. Jakob war gerade im Begriff, einzusteigen.
„Hey, warte!“
Er zuckte zusammen, spähte in die Schatten. „Carly! Ist was passiert?“
„Nein“, schnaufte sie, „hier, ich wollte dir das nur mitgeben.“ Sie drückte ihm die Dose in die Hand. Belustigt sah er im Scheinwerferlicht ihre nassen Füße und das Nachthemd unter der Jacke. „Wieso schläfst du nicht?“ Er schnupperte an den Keksen. „Mmmh, danke! Das wird mir den Morgen erhellen. Magst du nicht mitkommen?“
Carly zögerte, dann fiel ihr ein, was sie im Traum bedrückt hatte.
„Ich kann nicht, ich muss weiter aufräumen. Es kommt bald ein Interessent für das Haus!“
„Oh.“ Er klang nicht begeistert.
Irgendwo näherte sich ein Auto; das Brummen hallte durch die ruhige Nacht und entschärfte die Stille zwischen ihnen.
„Aber einmal komme ich mit, bevor ich wieder weg muss, bestimmt. Das lasse ich mir nicht entgehen“, versprach Carly.

Die Postkarte gestern war von Peer und Paul gewesen.
„Papa hat gesagt, wir sollen dir schreiben. Das mit dem Telefonieren aus Ägypten klappt nicht gut. Er hat auf dem Flughafen einen Mann getroffen, der an dem Haus Interesse hat. Herr Schnug heißt der. Er wird sich in den nächsten Tagen bei dir melden und sich alles angucken. Ferien sind übrigens cool. Bei Cousine Conny ist es lustig. Viele Grüße, Peer und Paul.“
Die Vorstellung, dass irgendein Herr Schnug besitzergreifend durch Naurulokki trampeln würde, gefiel ihr noch weniger als es Jakob zu freuen schien. Aber das war der Deal gewesen.

„Dann viel Erfolg und, danke noch mal! Ich werde auf dem Wasser an dich denken. Wenn du später Hilfe brauchst, sag Bescheid. Anna-Lisa wird vermutlich sowieso bei dir auftauchen.“
Er griff nach der Autotür, verharrte aber, ehe er einsteigen konnte, zum zweiten Mal erschrocken.
Auch Carly stand erstarrt.
Hinter ihr stiegen unüberhörbare Töne Richtung Venus. Es waren nicht die Hirsche.
Es war die „Emma auf der Banke an der Krummen Lanke.“
Friederikes Töne. Orje!
Sie drehte sich um, da tauchte er schon zwischen den Büschen auf.
„Orje!“ Wie gut es tat, so unvermutet jemand Vertrautes zu sehen. Sie sprang in seine Arme, er wirbelte sie einmal herum und stellte sie dann streng wieder auf die Beine.
„Das sieht dir ähnlich, im Dunkeln herumzuturnen!“
„Und du? Wo kommst du um diese Zeit her?“
„Ich bin die Nacht durch gefahren. Weißte doch, ich fahr am liebsten nachts, da hat man Platz auf der Strecke und Ruhe zum Denken.“
„Guten Morgen. Ich bin der Nachbar“, sagte Jakob.
„Oh, das ist Orje, ein alter Freund aus Berlin. Er spielt Drehorgel“, beeilte sich Carly, ihn vorzustellen. „Und das ist Jakob Hellmond, er hat mir sehr geholfen – hab ich dir ja erzählt, auf dem Blog.“
Die beiden Männer gaben sich die Hand; der gegenseitige prüfende Blick verpuffte in der Dunkelheit.
„Also dann“ sagte Jakob. „Ich muss los.“ Er stieg ein; diesmal hielt ihn nichts auf.
Carly sah dem warmen Glühen seiner Rücklichter nach.

„Hast du einen warmen Tee für mich?“ fragte Orje.
„Na, aber so was von Tee. Alle Sorten, die du dir vorstellen kannst. Und frisch gebackene Kekse!“
„Klingt gut. Wirst du jetzt zur Hausfrau?“
„Nicht so, wie ich sollte. Bald kommt ein Interessent und ich bin noch nicht sehr weit gekommen.“
„Na, aber von dem, was du erzählst, sieht das Haus doch ganz ordentlich aus. Und der Interessent muss sich ja erst mal äußern. Vielleicht will er es tatsächlich möbliert, dann wird es einfacher. Ich kann dir ja heute helfen!“
„Erzähl jetzt, was machst du hier?“
„Ich habe eine Genehmigung, am Sonntag in Zingst auf dem Seebrückenfest zu spielen. Und da dachte ich, ich kann ein verlängertes Wochenende nehmen und dich besuchen. Vor allem – „
„Vor allem was?“
„Ich dachte, du brauchst jemanden, der mit dir zum Strand geht.“ Verlegen fummelte er an Friederikes Bremsen herum und begann, sie auf die Terrasse zuzuschieben.
Carly packte ihn von hinten am Kragen und umarmte ihn gleich noch mal.
„Du bist unglaublich. Genau das brauche ich! Ich schaffe es nicht alleine.“
Das hatte sie nicht einmal vor sich selbst zugeben wollen. Jetzt, da Orje es ausgesprochen hatte, war es auf einmal nicht schwer.

Orje sah sich anerkennend in der Küche um, während eine Ahnung von Tag über die Baumwipfel schlich und Carly Frühstücksutensilien auf einem Tablett versammelte.
„Das Haus hat was“ sagte er. „Eine besondere Atmosphäre. Sie kommt einem entgegen, spricht an. Verspricht etwas. Wie sagte dein Joram – wohnen ist eine Tätigkeit? Ein interessanter Gedanke.“
„Nicht mein Joram. Wenn, dann Hennys Joram.“
„Aber er fasziniert dich. Sie faszinieren dich.“
„Immerhin bin ich sozusagen in ihr Leben geschlüpft. Für ein paar Wochen. Und ihre Kleider passen mir.“
„A propos Kleider. Du hast eine Gänsehaut. Zieh dir was an!“
Er passte schon wieder auf sie auf. Es fühlte sich gut an.
Sie lief nach oben und schlüpfte in eines von Hennys Baumwollkleidern. Auf diesem waren Schwärme kleiner Möwen auf blauem Untergrund unterwegs.
Orje betrachtete sie erstaunt. „Ich glaube, ich habe dich noch nie in einem Kleid gesehen. Sie passen dir wirklich! Mehr noch, es passt zu dir. Irgendwie überraschend.“
Sie musste lachen. „Ich wundere mich selber.“
Ihm fiel etwas ein. „Ich muss noch was aus dem Auto holen. Klasse Gartentor übrigens.“ Weg war er und kam kurze Zeit später mit einem umfangreichen Strauß aprikosenfarbener Rosen wieder.
„Blüten von Abraham!“ Carly war begeistert. „Den vermisse ich wirklich.“
„Dachte ich mir. Es geht ihm gut. Hast du eine Vase?“
„Bestimmt.“ Carly sah sich suchend um. „Da oben auf dem Regal. Kommst du da ran?“
Es gelang ihm so gerade, die bauchige Keramikvase herunterzuangeln. Dabei fiel etwas zu Boden. Orje stellte die Vase unter dem Wasserhahn ab und bückte sich.
„Ein Zettel, auf dem steht etwas“, stellte er fest. „Und…ui.“
„Zeig!“
Orje hielt die fein gearbeitete Miniaturausgabe einer Harke hoch, kaum länger als sein Finger. „Hab ich heute früh aus Zahnstochern gemacht. Für dich“, las er vor. „Steck sie in die Tasche, dann kannst du unterwegs bei Bedarf jedem zeigen, was eine Harke ist! Gruß, Joram.“
Orje fing an zu lachen. „Dieser Joram gefällt mir auch“, erklärte er.
„Siehste.“ Carly war damit beschäftigt, Abrahams Blüten wirkungsvoll anzuordnen. Orje fasste sie bei den Schultern und drehte sie zu sich herum. „Ich finde, das ist ein Zeichen“, sagte er und steckte die Harke behutsam in die kleine Tasche vorn in Hennys Kleid. „Pack das Frühstück ein. Wir gehen an den Strand und zeigen dem Meer, was ´ne Harke ist!“
„Jetzt? Sofort?“
„Ja. Jetzt. Sofort. Um diese Zeit sind noch keine Touristen am Strand. Die Sonne geht bald auf. Komm. Jetzt oder nie! Ich bin bei dir. Du hast Jorams Harke. Und du weißt ganz genau, dass Thore dich hauptsächlich deswegen hierher geschickt hat. Also?“
Das war gemein! Er kannte sie zu gut. Wusste, dass sie Thore nie enttäuschen würde, nicht am Ende als Feigling dastehen wollte, weil sie die Chance nicht nutzte, die er ihr geschenkt hatte.
„Na, dann. Okay. Okay!“ Sie goss den Tee in die Thermoskanne, schmierte hastig ein paar Brote, packte die Eier und Salz dazu, zwei Kekse, und alles in eine von Hennys Einkaufstaschen. Orje schulterte sie. „Los“, sagte er und ging voran, ohne sich umzudrehen. Carly schlüpfte in ihre Sandalen, folgte ihm trotz der Beklemmung, die sich kalt in ihr ausbreitete. Sicherheitshalber fasste sie nach Thores Hühnergott. Der wog tröstlich, ankerte sie. Und das Kratzen von Jorams Harke durch den dünnen Stoff ließ sie trotz allem schmunzeln.
Was wollte sie mehr? Orje war bei ihr, Thore und Joram standen unsichtbar hinter ihr, sogar Daniel, dessen Tee in der Thermoskanne gluckerte. Auch Henny war gegenwärtig, zumindest durch ihr Kleid. „Auf diese Weise gibt mir das Meer in deinem Namen zu verstehen, dass du nicht fort bist…“ hatte sie geschrieben.
Gut, dann sollte das Meer sie, Carly, jetzt in Jorams Namen und im Namen ihrer Eltern begrüßen. Und ihm und Thore und sich selbst würde sie zeigen, was eine Harke ist, indem sie sich nicht fürchtete! Trotzig machte sie sich in Orjes vertrautem Schutz auf den Weg.
Das erste Licht folgte ihnen.
Hell war der Sand der Dünen vor dem Nachklang der Nacht und Schweigen lag noch vor dem Deich, als Orje ihr die Hand reichte, um sie die Böschung hinaufzuziehen. Er hatte nicht den Umweg zum Strandübergang genommen sondern Carly schnurstracks durch den Streifen Kiefernwald geführt. Vielleicht fürchtete er, sie würde einen Rückzieher machen. Oder es war nur, weil er einer war, der immer den geradesten Weg ging. Carly achtete auf ihre Füße; an den knorrigen Wurzeln, unter denen der Wind den Sand abgetragen hatte, konnte man leicht hängen bleiben. Auch war der Blick nach unten sicherer. Dumpf klangen ihre doppelten Schritte auf dem Bohlenweg, der die Düne hinauf führte. Oben nahm Orje sie bei der Hand und zog sie wortlos mit sich. Zusammen stolperten und rutschten sie den sandigen Hang hinab.
Unten umfing er sie fest von hinten, so dass sie seine Wärme und seinen Atem spüren konnte und die Sicherheit, mit der er aufrecht stand. Sanft legte er die Hand unter ihr Kinn, zwang ihren Blick, dem Horizont nicht mehr auszuweichen.

Hinter ihnen ging über dem Land die Sonne auf, schickte die erste verhaltene Wärme über die Wiese, auf der die Tropfen zu funkeln begannen. Das Funkeln breitete sich aus, blitzte zitternd in den Kiefernzweigen und im Dünengras, ließ die Muschelscherben und den nassen Seetang am Flutsaum aufleuchten, verhielt kurz angesichts der langen Schatten, die Carly und Orje über den Strand warfen und zündete schließlich auf dem ersten Wellenkamm, der gerade rauschend auf sie zu rollte. Von dort lief es auf das Meer hinaus, umfing eine immer größere Weite und traf am Ende auf den Himmel, der genau dort einen durchsichtigen Streifen aus Pfirsichfarben und Hellgrün trug.
Diese freundlichen Farben waren damals nicht da gewesen, nur ein dunstiges, brennend weißes Hitzeflimmern.
Carly hielt den Atem an. Sie glaubte, sich aufzulösen in der Helligkeit und der unglaublichen bewegten Weite, vor der sie sich, von Tante Alissa bestärkt, seit jenem ewig vergangenen Tag mit soviel Entsetzen gefürchtet hatte.
Oder war es gerade diese Angst, die sich auflöste?

Eine Möwe rief durchdringend, segelte über ihre Köpfe hinweg, landete dicht neben ihnen, sah sie prüfend an, krächzte noch einmal seltsam und begann dann, ihre Flügel zu putzen.
Das Meer in deinem Namen…
Eine Möwe in deinem Namen…
Wieder stieg die Stimme ihres Vaters an die Oberfläche ihrer Erinnerung. „Flieg, Fischchen!“
Unwillkürlich hatte sie es laut gesagt.
„Wieso eigentlich Fischchen?“ fragte Orje, als sei eine Unterhaltung das Normalste auf der Welt.
Carly musste sich erst wieder darauf besinnen, dass es Worte gab, hangelte sich an seinen zurück in die Gegenwart.
„Weil ich so gern im Wasser war. Und dann hatten wir dieses Ding am laufen: immer wenn Ralph oder ich sagten ‚das kann ich nicht’ oder ‚das geht nicht’, antwortete unser Vater: ‚Sogar Fische können fliegen’ und dann holte er das Lexikon und zeigte uns das Bild von den fliegenden Fischen.“ Jetzt wusste sie es wieder.
„Dann warst du also mal ein so ein kleiner Wasserfloh, der gerne schwimmen ging,“ sagte Orje und stellte sich mit Vergnügen die sechsjährige Carly vor.
Floh…? Hatte er Floh gesagt? Das Wort sprang wie ein Flummi in ihrem Gedächtnis herum, auf der Suche nach etwas.
Das Rauschen der Wellen war so nahe, so sanft und brausend und gewaltig und großartig zugleich. Damals hatte es dieses Rauschen nicht gegeben; alles war glatt und still gewesen. Die Katastrophe war lautlos und zunächst unbemerkt geschehen, nicht mit einem Knall und einem Scheppern wie man es von einem Unglück erwartet. Deshalb war es so schwer gewesen zu glauben, dass es überhaupt passiert war.
Das Wasser kam Carlys Füßen näher, jede Welle trug etwas von dem angespülten Seetang wieder hinaus und mit ihm einen Teil von ihrer Unsicherheit, dem Gefühl, der Boden unter ihren Füßen wäre nicht sicher, nicht wirklich.
Das Rauschen trug sie, berauschte sie, jetzt wusste sie, wo das Wort berauschen herkam. Sie hätte ewig zuhören können.
Die Wellen spülten schließlich frei, wonach das Wort „Floh“ in ihr gesucht hatte. Die Stimme ihrer Mutter gesellte sich zu der ihres Vaters: „Floh! Komm endlich raus!“
Und Ralphs Stimme, kindlich noch, irgendwo aus dem Wasser: „Ich komm ja schon, gleich, noch eine Minute…!“
Das hatte sie völlig vergessen, dass Ralph so ein lebendiges Kind gewesen war, das nie stillsaß, immer etwas plante und ausprobierte. Mit ihren kurzen Beinen hatte sie nie mit ihm Schritt halten können. Schwer zu glauben, wenn sie an den heutigen bedächtigen, vorsichtigen Ralph dachte, der nie etwas ohne Plan tat, wenn er es überhaupt wagte.
Er musste sich früh geändert haben. Vielleicht genau an jenem Tag. Alles hatte sich geändert.
Aber sie waren beide noch da. Fischchen und Floh.
Sie würde den Floh in Ralph wiederfinden.
Wie sie die Stimmen ihrer Eltern wiedergefunden hatte.
„Das Meer gibt nicht alles zurück, was es nimmt.“ Hatte Daniel gesagt.
Aber manches eben doch.
Die Stimmen lebten noch, wenn auch lautlos. Wenn jemand tot ist, was geschieht mit seinen Worten? Die Worte sterben nicht, sie haben dieselbe Bedeutung wie zuvor. Sie verlieren nicht ihre Gültigkeit. Hennys Worte, Jorams Worte. Obwohl sie beide nicht gekannt hatte, waren auch sie lebendig in ihr und erklärten ihr etwas, änderten ihre Welt, warfen Lichter in sie.
Wie der Tag auf das Meer.
Orje hielt sie immer noch fest, aber auch die Sonnenwärme war schon so stark, als könnte man sich daran anlehnen.
Sie drehte sich um, umarmte Orje. „Es ist so….schön“ flüsterte sie. „Und“, sie sah erstaunt zu ihm auf, „ich habe Hunger!“
Sie suchten sich ein Plätzchen in einer Kuhle vor den Dünen. Noch nie hatte ihr ein Honigbrot und ein Keks so geschmeckt, obwohl auch Sand zwischen ihren Zähnen knirschte. Sie spülte ihn mit Daniels „Küstensturm“ herunter. Als sie den Becher absetzte, blieb ihr Ärmel an etwas hängen. Sie sah an sich herunter. Jorams Harke in ihrer Tasche! Sie zog sie heraus und hielt sie triumphierend hoch.
„Es hat geklappt!“ sagte sie lachend.
„Siehst du“, sagte Orje zufrieden. „Wir sind stolz auf dich, Joram und ich!“
Die Möwe, zu der sich inzwischen eine weitere gesellt hatte, hüpfte hoffnungsvoll heran. Orje warf ihr einen Brotkrümel zu.
Vor der Mole sprang ein Fisch aus dem Wasser, eine kleine, fröhliche Silhouette vor all dem weiten Glitzern.
„Flieg, Fischchen“, dachte Carly.
Warum nur hatte sie vergessen, dass das möglich war?
Jetzt musste sie nur noch herausfinden, wohin.

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13. Geheimnisse

Der Wind hatte die Regenwolken mit sich genommen, in die Richtung, in die nach Anna-Lisas Überzeugung Joram mit ihm auf Reisen gegangen war. Warm und freundlich wartete der Morgen im Garten. Carly hatte eine Thermoskanne mit „Küstensturm“ gefüllt, dem Tee, den Henny am liebsten getrunken hatte, und sie zusammen mit einem Käsebrot im Fahrradkorb verstaut, nebst einer offenbar selbstgekneteten Kerze, die sie auf dem Küchenwerktisch gefunden hatte. Jetzt schnitt sie taufeuchte Blumen: Staudenglockenblumen, weißen Phlox, Eisenhut, frühe Astern, späte Margeriten. Sommerflieder, Dahlien. Dazwischen zarte Gräser und Farne.
Sie hätte die paar hundert Meter auch zu Fuß gehen können, aber sie hatte sich mit Hennys Fahrrad „Albireo“ angefreundet. Die frische saubere Luft wehte ihr darauf so angenehm um die Nase. Sie schloss Albireo an einem Laternenpfahl an, öffnete die niedrige schmiedeeiserne Pforte. Steinplatten führte zum Kirchenportal. Zu ihrem Erstaunen las sie Namen darauf. „Claas Olufsen“. „Friederijke Hegemeier.“ Verwittert, aber noch gut erkennbar. Hier hatte man alte Grabsteine verwendet! Wahrscheinlich waren die Steine so knapp auf der schmalen Halbinsel. Es berührte sie unangenehm, darauf zu treten. Sie verließ den Weg, spazierte um die Kirche herum. Dahinter fand sie die Gräber. Der Friedhof war winzig; nach den weitläufigen Berliner Friedhöfen erschien er unwirklich, wie ein unvollständiges Bild aus einer Geschichte, auf deren Seiten nur ein Ausschnitt gepasst hatte. Die wenigen neueren Gräber entdeckte sie in der hinteren östlichen Ecke, wo der Lichtkegel der Morgensonne in die Reihen fiel.
Henrike „Henny“ Badonin. Ein schlichter, unbehauener Naturstein inmitten von Lavendel, blauen Astern und weißer Akelei.
Carly stand eine Weile davor, fast schüchtern. Es war merkwürdig, dass sie in Hennys Haus wohnte, darin umräumte, über ihre Sachen entschied, und das alles, ohne sie gekannt zu haben. Ungehörig! Aber so war es nun einmal. Und es ging etwas sehr Freundliches von dem Grab aus. Sie hatte nicht das Gefühl, dass Henny über ihren Besuch verärgert wäre. Im Gegenteil. Schließlich legte sie behutsam den Strauß vor den Stein. „Aus deinem Garten“ sagte sie.
Vorn neben der Akelei lag ein runder Findling, auf den sie sich nach kurzem Zögern setzte, um ihr Brot zu essen. „Der Morgen ist so schön, ich musste raus,“ erklärte sie, „und da dachte ich, ich frühstücke mit dir. Dann sind wir uns vielleicht nicht mehr so fremd und es macht nichts, dass ich deine Kleider trage.“ Sicherheitshalber sah sie sich um, ob auch niemand zuhörte, doch sie war allein mit der Stille und den Toten, und der einzige vorhandene Teppich bestand aus den Grasbüscheln, die sich hartnäckig an den unbeständigen Sandboden klammerten. Der Tee schmeckte nach Holz, Beeren, Honig und Wiese, passte zu Henny, zu ihrem Parfum, ihrem Stil, ihrem Haus. Carly beugte sich vor, goss einen Schluck in die Erde. Warum nicht? Es sah ja keiner und Henny, da war sie sich sicher, hätte gelächelt.
Da fing etwas ihren Blick, ein blauer Schimmer, hinter den Astern an den Grabstein gelehnt.
Eine große Miesmuschel, auf die Röhrenwürmer helle Zeichen geschrieben hatten.
Hennys Muschel aber lag zuhause auf dem Küchenregal.
Zuhause? Hatte sie „Zuhause“ gedacht?
Und Joram?
„Auf diese Weise gibt mir das Meer in deinem Namen zu verstehen, dass du nicht fort bist, nicht so weit fort, dass du mir nicht noch nahe bist…“
War er also doch in der Nähe, wie Henny bis zum Schluss behauptet hatte? Hatte er die Muschel dorthin gelegt?
Carly spürte, wie ein Kribbeln ihre Wirbelsäule hinauflief.
Zur Beruhigung goss sie sich noch einen Becher Tee ein, fühlte, wie die Wärme sich in ihr ausbreitete.
Wie mochte Henny nur zumute gewesen sein, als Joram verschwand? Sie versuchte, sich vorzustellen, dass Thore von heute auf morgen nicht mehr da wäre. Wenn sie ihn nicht anrufen, nicht auf ein Wort, nicht auf eine Berührung, nicht auf ein Wiedersehen zählen könnte, nicht wüsste, wie es ihm ging, ob er noch lebte. Nicht wüsste, was passiert war. Ob er einen Unfall hatte, ein Verbrechen geschehen oder ob er freiwillig entweder gestorben oder gegangen war und wenn gegangen, wohin.
Bei dem bloßen Gedanken entstand hilflose Verwirrung in ihrem Kopf und ein dumpfer Schmerz ohne Horizont.

Was wusste sie von Joram? Er war Künstler gewesen, der mit Holz offenbar leichter umging als mit Menschen, aber nur im Notfall Aufträge annahm oder etwas verkaufte. Lieber verschenkte er seine Werke. Einer, der Wohnen als eine Tätigkeit, eine Kunst, ja eine Gnade ansah und Henny dabei half indem er ihr Haus verschönerte, füllte, ihm einen Namen gab, der aber selbst nur möbliert zur Miete hauste, nichts aufhob, am liebsten keine Spuren hinterließ. Dem es manchmal nicht gut ging, weil er „sich nicht immer mochte“, wie Daniel Knudsen gesagt hatte, und der außer Henny keine Freunde wollte. Er hatte jedoch Humor, wie die „Ambi-Ente“ bewies, und Henny hatte ihm etwas bedeutet. Aber was und wie viel?
Carly und Thore verband eine Seelenverwandtschaft (seine Worte), eine intellektuelle Affäre und eine zärtliche platonische Freundschaft. Sie vermutete, dass es bei Joram und Henny sehr ähnlich, wenn nicht genauso gewesen war.
Nur, dass Thore und sie auch andere Freunde hatten: Familie, Kommilitonen, Kollegen. Joram und Henny dagegen schienen jeder für sich, aber auch miteinander allein gewesen zu sein, absichtlich, ihre Freundschaft eine einsame Insel inmitten einer Anzahl wohlgesonnener Nachbarn und Bekannten, die sie nach Möglichkeit nicht ins Haus ließen, mit Ausnahme der kleinen Anna-Lisa. Wie hatte Henny geschrieben?
„Joram, Naurulokki und ich sind wie Wega, Atair und Deneb. Ein harmonisches, ausgewogenes Zusammenspiel; trotz der unabänderlichen Distanz zwischen uns. Wir ergänzen uns, erzeugen ein Leuchten. Allein sind wir nichts…“
Wega, Atair und Deneb, das Sommerdreieck, hell in der weiten Schwärze des Himmels.
Allein sind wir nichts…
Wir allein musste Henny gewesen sein ohne Joram. Aber sie hatte noch Naurulokki gehabt und das Echo von Jorams Gegenwart. Sie hatte seine Nähe gespürt, obwohl er offenbar nicht mehr da war.
So wie Carly die Stimme ihres Vaters gehört hatte.

Die Kerze aus ihrer Tasche duftete nach Bienenwachs und Honig. Neben allen Grabsteinen standen Windlichter für die Kerzen, keine Flamme hätte dem Seewind ohne diesen Schutz standgehalten. Carly nahm den Deckel hoch und entfernte ein altes, abgebranntes Licht.
Darunter lag ein Zettel! Sie zögerte, nahm ihn dann heraus. Gab es ein Postgeheimnis für Tote? Aber sie hatte ja alle anderen Zettel auch gelesen. Und wenn dieser von Joram war, dann musste sie es einfach wissen. Dann lebte er noch.
Doch es war nicht Jorams Schrift. Es war auch nicht nur ein Zettel, es war ein Brief.
„Liebste Henny, ich habe einen schlimmen Fehler gemacht, damals, vor so langer Zeit. All diese Zeit hätte uns gehören können. Aber du sollst wissen, dass du in allen Bildern warst, die ich seitdem gemalt habe. Wenn Menschen darin vorkamen, war es jedes einzelne Mal dein Gesicht, deine Silhouette, dein Schatten. Ich konnte nicht anders. Das waren die einzigen Bilder, die gut waren. Die lebten und ein Publikum ansprachen. Meine Landschaften, selbst Abstraktes: handwerklich ausgezeichnet, aber es blieb alles kalt, berührte niemanden. Das ist und bleibt meine Strafe. Auch diese Insel, die mir noch und wieder Heimat sein sollte, ist fremd ohne dich. Unerträglich! alles verschließt sich, auch der Blick. Ich kehre zurück in mein Exil und werde jämmerlich genug sein, um weiterhin dein Lächeln und die alten Träume in deinen Augen zu malen und zu verkaufen, damit ich meine Miete bezahlen kann, denn ich tauge für nichts anderes…und das, obwohl ich weiß, dass es dich anekeln würde, wenn du wüsstest dass du in immer mehr amerikanischen Wohnzimmern hängst. Andere Frauen würden sich geehrt fühlen, doch du hattest nie auch nur einen Anflug von Eitelkeit. Ganz im Gegensatz zu mir. Du kannst froh sein, dass du mich früh genug losgeworden bist, und ich hoffe, du bist glücklich gewesen. Ich habe nicht gewagt, Elisa danach zu fragen…
Nicholas.“

Carly schluckte. Ihre Hand zitterte ein wenig, als sie den Zettel wieder zusammenfaltete und zurück in das Windlicht legte. Sie stellte den kleinen schmiedeeisernen Teller darauf und die Kerze, zündete sie an. In der hellen Sonne war die Flamme kaum zu sehen.
Henny hatte Nicholas erwähnt, in einer ihrer Notizen. „Niemand kennt mich so gut wie Joram. – Ob es wohl mit Nicholas eines Tages auch so gewesen wäre ?“
Synne musste ihr Elisa vorstellen, dann konnte sie sie fragen, wer Nicholas war. Es wurde ja auch Zeit, dass Elisa den Wert der vorhandenen Bilder schätzte, Thore würde bald Ergebnisse hören wollen. Aber ach, es war schwer, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren, wenn die Vergangenheit Briefe schrieb.

Nachdenklich schlenderte sie die Grabreihen entlang. Der letzte Stein fing aus dem Augenwinkel ihre Aufmerksamkeit. Er war alt, dunkel, stand schief und halb verweht im Sand. Das Grab daneben war schon aufgegeben worden. Kamille und verwilderte Margerite wucherten auf beiden, zusammen mit Brennnesseln und Wegerich. In den Buchstaben wuchs Flechte, doch sie waren noch deutlich.
Simon Grafunder.
Ohne Jahreszahlen.
Wer war Simon Grafunder?
Hätte sie eine zweite Kerze gehabt, hätte Carly sie gerne hier angezündet. So zog sie nur die Brennnesseln heraus, entfernte ein paar braune Blätter und eine Kaugummihülle und richtete die Margeriten auf.

Die Kirche war offen. Sie war klein und ungewöhnlich gebaut, in der Form eines umgedrehten Kahns, geschützt von einem Reetdach. Schifferkirche hieß sie denn auch schlicht. Leise trat Carly ein. Seltsam geborgen fühlte sie sich in dem hölzernen Gewölbe. Von der Decke hingen Schiffsmodelle, und die Schiffe trugen die Namen „Glaube, „Liebe“ „Hoffnung“, mit weißer Handschrift etwas ungeschickt auf den Bug gepinselt.
„Das wäre eine schöne Kirche für eine Hochzeit“, dachte sie. „Ich würde gern einmal auf eine Hochzeit gehen. Aber das sieht weder bei Orje noch Miriam so aus. Vielleicht Synne und Daniel?“
Aber auch dafür schien es keine ernsthaften Anzeichen zu geben.
Ob Henny als junge Frau einmal davon geträumt hatte, hier diesen Nicholas zu heiraten? Was war passiert?

„Guten Tag!“
Carly hatte den Pfarrer nicht gesehen, hinten in der dunklen Ecke. Er musste hinter dem Altar irgendetwas sortiert haben, jetzt richtete er sich auf und sah sie. „Kann ich Ihnen helfen?“
„Ich wollte mir nur die Kirche ansehen. Sie ist wirklich schön. Und außergewöhnlich.“
„Sie ist gerade renoviert worden. Dem Himmel und den Menschen hier sei Dank.“
Er ging ihr entgegen. Recht jung für einen Pfarrer, fand sie.
„Sind sie hier schon lange tätig?“
„Hier und anderswo auf Fischland-Darß. Drei Jahre. Ich hoffe, es werden noch viele.“
„Kannten Sie einen Joram Grafunder? Und eine Henny Badonin?“
„Ich habe Henny Badonin beerdigt. Das war seltsam. Niemand kannte sie gut, und dennoch kamen sehr viele zur Beerdigung. Die Kirche war überfüllt. Zum Gottesdienst ist sie nie gekommen, aber wenn sonst niemand in der Kirche war, saß sie manchmal hier, in der letzten Bank. Ich habe einmal versucht, mit ihr zu sprechen, doch das hat sie wohl nur vertrieben. Darum habe ich sie in Ruhe gelassen. Aber für den Weihnachtsmarkt hat sie ein Bild gespendet. Von dem Erlös konnten wir die Schiffsmodelle instand setzen lassen.“
„Und Joram Grafunder?“
„Er hat nach einem Sturm einige Schäden repariert. Spontan und kostenlos. Er war so geschickt mit Holz. Aber er sprach kaum. Ich hatte das Gefühl, er war ein sehr einsamer Mensch. Und da war etwas in seinem Blick…“
„Was glauben Sie, ist mit ihm passiert?“
Der Pfarrer räusperte sich, wich ihrem Blick aus. „Ich halte es für wahrscheinlich, dass er… dass es sich um einen Suizid handelte. Ich sagte ja, da war etwas in seinen Augen…und er hatte eben nicht viele soziale Kontakte.“
„Ich habe da draußen einen alten Grabstein gesehen. Simon Grafunder.“
„Ja. Simon Grafunder war Joram Grafunders Bruder. Er starb mit dreizehn. Mehr weiß ich auch nicht. Es steht im Kirchenbuch. Die Familie war offenbar nicht lange hier ansässig und ist danach fortgezogen. Joram Grafunder kehrte erst viel später nach Ahrenshoop zurück. Wenn Sie mehr wissen möchten, müssen Sie jemanden fragen, der hier schon lange lebt. Elisa Sempek zum Beispiel, oder den alten Claas vom Hafen.“
„Danke, das mach ich.“ Carly steckte ein paar Münzen in den Opferstock und verließ die dämmerige Kirche. Die helle Wärme draußen war angenehm, beruhigend wirklich nach all den alten Spuren.

Strandwetter, eigentlich. Sie brauchte nur die Hauptstraße überqueren und den Deich, Albireo an einem der Sanddornsträucher abstellen und wie alle anderen Touristen zum Meer zu schlendern. Einfach so.
Aber hatte sie nicht einen Job zu erledigen? Die Zeit drängte. Hatte sie sich sonst immer auf Thores Anruf gefreut, fürchtete sie sich jetzt beinahe davor. Außer ein paar wirren alten Geschichten hatte sie noch nichts zu bieten. Es war Zeit, zu handeln. Jetzt, da sie sich bei Henny gewissermaßen vorgestellt und sie um Verzeihung gebeten hatte, konnte sie wenigstens anfangen, den Kleiderschrank auszuräumen. Denn dessen Inhalt fiel bestimmt nicht unter „möbliert vermieten“.

Vielleicht war das nicht die beste Idee gewesen, denn auch der Schrank erzählte von Vergangenem.
Draußen vor dem offenen Fenster dagegen hörte sie ferne Stimmen der Gegenwart, in den Seewind geflochten: spätsommerglückliche Kinder, die am Strand den Wellen Tropfen stahlen und silbern Richtung Himmel warfen. Eltern, die hinterher tobten als fiele dabei für kostbare Stunden sämtliches Erwachsensein von ihnen ab. Möwenschreie dazwischengestreut, die wie das Salz selbst einen solchen Tag würzen und zu einer besonderen Erinnerung machen, noch ehe er vorbei ist.
Genauso war es früher auch gewesen, sie konnte sich daran erinnern, jetzt wieder. Die Geräusche weckten die Bilder in ihr. Wäre sie Henny gewesen, hätte sie sie zeichnen können. Doch sie schob sie beiseite, konzentrierte sich auf ihre Arbeit.

Hennys Unterwäsche war rührend altmodisch und dünn vom langen Gebrauch. Carly fühlte sich wie ein Unmensch, als sie sie in einem Plastiksack versenkte. Sie fand eine Menge langer Unterhosen und praktischer derber Arbeitshosen und Fischerhemden mit Farbflecken. Die drei besten Fischerhemden hob sie auf, die konnte sie vielleicht noch brauchen, für Gartenarbeit. Auch zwei Pullover rettete sie, und einen ganzen Stapel der weichen Baumwollkleider. Am Ende war der Schrank nur halb geleert. Dafür entsorgte sie alle Schuhe, die ihr ohnehin zu klein waren. Es wäre ihr auch zu weit gegangen, in Hennys Schuhen herumzulaufen, wenn sie schon in ihrem Haus wohnte und ihre Kleider trug – und momentan irgendwie auch ihr Leben. Ihr fiel ein indianischer Spruch ein, der über Tante Alissas Schreibtisch gehangen hatte: „Bitte lass mich meinen Nachbarn nicht kritisieren, bevor ich nicht eine Meile in seinen Mokassins gelaufen bin.“
Ganz oben im Schrank fand sie einen Männerpullover, der ganz sicher nicht Henny gepasst hatte. Er roch auch nicht nach Henny. Sondern nach Holz und nach Tabak und nach – ja, Joram, vermutlich.
Waren sie doch ein Paar gewesen? Oder hatte er ihn unten vergessen, und Henny hatte ihn in ihren Schrank gelegt, um etwas von ihm in der Nähe zu spüren? Seinen Geruch greifbar zu haben? War das nach seinem Verschwinden gewesen oder vorher?
Carly zögerte, dann legte sie den Pullover zurück.
Wirklich weiter gekommen war sie nicht mit dem Aufräumen. Aber immerhin hatte sie drei Säcke gefüllt, die sie nach unten schleppte und im Flur abstellte. Sie würde Jakob um Hilfe bitten müssen. Oder Synne. „Hier hilft man sich mit so was“, hatte Jakob gesagt.
Aber sie wollte nicht mit leeren Händen zu Jakob. Kurz entschlossen fing sie an, einen Teig anzurühren. Der Duft von Backwerk würde Naurulokki gut tun nach dem Wühlen im Schrank, das alten Staub aufgewirbelt hatte. Mal sehen, wie ihre Zuckerrübensirup-Kekse bei Jakob und Anna-Lisa ankommen würden.
Der Duft fand offenbar sogar seinen Weg in den Wind. Vor dem offenen Küchenfenster räusperte sich jemand. „Tach! Hier riecht es aber gut. Die Post!“
Der Briefträger. Der, der Henny die Briefe durchs Küchenfenster gereicht hatte, wenn sie malte.
Carly öffnete das Fenster weiter. „Die Kekse sind noch nicht fertig, aber Sie können einen Rest Teig naschen.“
„Mmmmh, lecker. Die Frau Badonin hat eigentlich nie gebacken. Nur der Herr Grafunder, manchmal. Und kochen konnte der!“
„Joram Grafunder konnte kochen?“
„Doch. Der stand hier öfter, rührte in den Töpfen und es duftete. Besser als aus den Restaurants unten. Einmal durfte ich kosten. Da hatte er eine Erkältung und wollte wissen, ob er zuviel Rosmarin in die Suppe getan hat. Hier ist eine Postkarte für Sie.“
Carly war sich sicher, dass er die schon gelesen hatte. Aber sie legte sie beiseite. Unter seinen Augen mochte sie sie nicht lesen, egal von wem sie war.

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12. Tee und Fledermäuse

Es regnete nicht mehr, aber der Nachmittag wog grau und stürmisch auf dem Weg. Gegen den Wind gebeugt radelte Carly im Schutz von Jakobs Schiffermütze in den Ort. So sehr sie es genossen hatte, mit Anna-Lisa im Haus herumzuwerkeln, so sehr brauchte sie jetzt Zeit, mit ihren brodelnden Gedanken allein zu sein.
„Was machst du mit den Kissen?“ hatte Anna-Lisa gefragt. Die knallgelben Kissen hatten auf dem Sofa gelegen. Carly war damit auf dem Weg zum Keller, in dem ja nun Platz war für unerwünschte Sachen. „Ich mag kein Gelb!“ erklärte Carly.
„Vielleicht findet der, der das Haus kaufen wird, die Kissen gemütlich?“
„Bis dahin will ich sie aber nicht sehen.“
Dass sie Gelb nicht nur nicht leiden konnte, sondern dass es gegen alle Vernunft eine lästige alte Angst in ihr weckte, ein abgrundtiefes Unbehagen, brauchte Anna-Lisa nicht zu wissen. Dass in Hennys Garten nur weiße und blaue Blumen blühten, passte eigentlich wunderbar.
Jedoch seit Carly die störenden Kissen in den Sack gestopft und ins kühle Dunkel unter dem Haus befördert hatte, wo laut Jakob die Geschichten ihre Wurzeln haben, ging ihr die Stimme ihres Vaters nicht mehr aus dem Kopf. Einmal aus den Tiefen ihrer Erinnerung geweckt, klang sie nach, hallte durch ihre Gedanken, stellte Fragen, dann wieder verstummte sie. Carly sehnte sich danach, mehr von ihr zu hören. Überhaupt lagen wirre Sehnsüchte und ein merkwürdiger Spuk in der Luft. Das übermütige Rauschen und Glänzen in den Silberpappeln erinnerte sie an Orje, den sie vermisste. Erst jetzt, da er nicht mehr in ihrer Nähe war, fiel ihr auf, welche Leichtigkeit er in ihren Alltag gebracht hatte. Auch Anna-Lisas Lachen war wie ein Echo einer plötzlich seltsam gegenwärtigen Valli durch die Räume gegeistert. Das Windspiel im Garten tröpfelte dazwischen Töne ähnlich denjenigen, die aus Rorys Saxophon dauerhaft in ihr Leben getrieben waren. Die niedrigen Kiefern malten mit ihren windgebeugten Ästen Gesten in den schweren Himmel, gleich Thores Händen in einer lebhaften Diskussion. Über dem Deich malten pastellenes Licht und verschieden graue, vogelförmige Wolken ein Bild als sei es von Henny. Und fast flog Carly mit dem Rad kopfüber, als ihr der Sturm ein Stück Rinde vor die Füße warf, so bizarr gebogen, dass Joram bestimmt etwas daraus gemacht hätte. Sie hob es auf und legte es in den Fahrradkorb. Als sie den Teeladen erreichte und dessen helle duftende Wärme betreten konnte, war sie erleichtert.

„TeeTraumTüte“ stand über der Tür, „Inhaber: Daniel Knudsen“.
Demzufolge war der verblüffend lange, dünne Mann, der sich hinter die Theke gefaltet hatte und sorgfältig eine Blechdose polierte, vermutlich der Daniel, von dem Synne bei der Beschreibung der wenigen Geschäfte vage und ohne weiteren Zusammenhang gesagt hatte: „Daniel ist ein Schatz“.
Ein durchdringender, gar nicht unangenehmer Blick traf sie, ging dann an ihr vorbei zu dem blauen Fahrrad mit dem silbernen Schriftzug, das sie vor dem Schaufenster an einen Baumstumpf gelehnt hatte.
„Sind Sie das Mädchen, das in Henny Badonins Haus wohnt? Synne hat’s erzählt“, sagte er und erhob sich weberknechtähnlich.
„Ja, sie und Anna-Lisa haben mich zu Ihnen geschickt, weil alle über meinen Tee aus dem Supermarkt schimpfen.“
„Das lässt sich beheben. Was mögen Sie denn am liebsten?“
„Schwarz. Kräftig. Assam. Sowas in die Richtung. Aber ich brauch auch was, was den Gästen schmeckt. Anna-Lisa. Synne. Und Jakob.“
„Sie haben sich wohl schon gut eingelebt, was?“
„Das darf ich ja gar nicht. Ich muss ja bald zurück.“
„Zurück zu was?“ fragte er interessiert, warf dabei seinen direkten Blick über seine schmale Brille hinweg genau in ihr kurzes Erschrecken.
Ja, zurück zu was? Zu einem Bruder, der ihr fremd war? Zu einer unerfüllbaren Liebe und zu einem lieben Freund, dessen geduldige Hoffnung sie immer wieder enttäuschen würde? Zu zielloser Arbeitslosigkeit in einer lärmenden Stadt voller Abgase?
„Gute Frage“, sagte sie. „Im Moment möchte ich viel lieber über Tee nachdenken!“ Daniel Knudsen war anscheinend jemand, dem man auf seine Fragen unwillkürlich offen antwortete.
Bereitwillig kramte er im obersten Regal herum. Das ging bei ihm ohne Leiter. Carly entdeckte ein Haarbüschel auf seinem ordentlich gekämmten Hinterkopf, das spitzbübisch in die Höhe stand und an ein frischgeschlüpftes Vogeljunges erinnerte. Aromen aus Zimt, Orangen und Kräutern und allerhand Geheimnisvollem breiteten sich beinahe sichtbar um ihn aus. Er angelte einen kleinen Korb von der Theke, füllte ihn sorgfältig mit bunten Tüten. „Das ist eine Auswahl, die eigentlich allen gerecht werden sollte.“
„Kannten Sie Joram Grafunder?“ fragte Carly.
„Flüchtig. Er war Kaffeetrinker. Meistens. Außer wenn es ihm nicht gut ging. Er hat den Rahmen da oben gemacht.“ Sein langer Arm wies auf ein großes Bild über der Theke. Geschwungenes Treibholz umrahmte die sepiafarbene Kreidezeichnung eines einsamen Strandes.
„Und das Bild ist von Henny“, ergänzte Carly.
„Ja. Ihre Kunst passte gut zusammen.“
„Nur ihre Kunst?“
„Das habe ich nie herausgefunden.“ Er tippte die Preise in eine ächzende altmodische Kasse.
„Warten Sie… was war Hennys Lieblingstee? Und Jorams? Sie sagten, er trank Tee, wenn es ihm nicht gut ging? Warum ging es ihm nicht gut?“
„Er mochte sich nicht immer. Hier, das war sein Tee. ‚Wellenschatten’. Kräftiger Assam, Ihre Geschmackrichtung. Aber mit Sanddorn darin.“
„Geben Sie mir davon auch, bitte. Und Henny?“
„Sie mochte alles, in dem eine Prise Zimt war. Hier, der zum Beispiel. ‚Küstensturm’. Möchten Sie den auch?“
„Ja, bitte. Was ist Ihrer Meinung nach mit Joram passiert? Lebt er noch?“
„Nein. Ich denke, er ist ertrunken. Jeden Morgen ging er schwimmen, nahe am Hafen. Allein. Im Morgengrauen. Auch bei Sturm und Kälte. Er war nicht mehr der Jüngste. Hatte manchmal Lungenprobleme. Es war leichtsinnig. Das musste irgendwann schief gehen. Wer das Meer unterschätzt, lebt gefährlich. Ich halte es für möglich, dass er es darauf anlegte. Wollte vielleicht, dass das Meer ihm die Entscheidung abnimmt.“
„Im Hafen…? Aber man hat ihn nie gefunden.“
„Das hat nichts zu bedeuten. Das Meer gibt vieles nicht zurück. Die Strömungen sind heimtückisch. Auch im Hafen.“
Tja. Das wusste sie nur allzu gut.
„Henny glaubte, er lebt noch. Anna-Lisa glaubt, er ist weggeflogen. Es scheint eine Menge Theorien zu geben.“
„Das hätte ihm gefallen. Er machte gern ein Geheimnis aus sich.“ Daniel drückte ihr die Tüte in die Hand. „Ich hoffe, Ihre Gäste werden jetzt mit dem Tee zufrieden sein, und Sie auch. Fühlen Sie sich wohl, solange Sie hier sind.“
„Das tue ich. Danke!“ Schon auf dem Weg zur Tür, entdeckte sie einen Tisch in einer Nische, der ihre Schritte ablenkte. Tischdecken und Kissen lagen darauf. Das grobe und dennoch weiche Gewebe zog ihre Hand sofort an. Schlichte hellgrüne und apricotfarbene Muscheln aus einem feineren Stoff waren sparsam auf einem dicken sandfarbenen Kissen appliziert. Carly konnte nicht widerstehen. Dieses Kissen gehörte nach Naurulokki. Henny hätte es auch gekauft, sie wusste es einfach.
Daniel verstaute es in einer weiteren Tüte und trug dabei ein Schmunzeln im rechten Mundwinkel, das sich häuslich in ihrem Gedächtnis niederließ.
„Henny hätte das auch gekauft“, sagte er.
Sie verließ den Laden ungern; es duftete so gemütlich und überhaupt beherbergte er eine sehr angenehme Atmosphäre. Gerade als sie die Tüte auf dem Gepäckträger verstaut hatte, kam Daniel herausgelaufen und drückte ihr noch etwas in die Hand. „Ich glaube, der passt besonders gut zu Ihnen. Tschüss!“ Schon schloss sich die Tür wieder hinter ihm. Carly musste lachen, er war aus dem Laden geschossen wie ein sehr langbeiniger Kuckuck aus einer Uhr. Auf dem Teetütchen in ihrer Hand stand „Sandspuren“ und es roch nach Beeren und Honig und irgendeinem geheimnisvollen Gewürz.

Zuhause verstaute sie die Tüten im Regal, aus dem sie die vertrockneten Farben genommen und Jakob mitgegeben hatte. Dabei fiel ihr das pferdeähnliche Stück Treibholz in die Hand, das Anna-Lisa ihr geschenkt hatte. Nachdenklich drehte sie es hin und her. Da fehlte einfach etwas. Sie hielt das Stück Rinde daran, das ihr unterwegs vor die Füße geweht war. Ja! Sie stöberte auf dem vollgekramten kleinen Tisch in der Küchenecke, mit dem sie sich noch nicht weiter befasst hatte. Wie sie vermutet hatte, hatte Henny hier offenbar ihre Kerzen gegossen und ähnliche Arbeiten verrichtet. In dem Durcheinander fand sie Bindfaden und Wachsreste. Beides benutzte sie, um das Rindenstück am Holz zu befestigen.
Perfekt! Pegasus! Jetzt passte es. Sie knüpfte die Figur an der Lampe fest, so dass sie fröhlich mitten in der Küche schwebte. Anna-Lisa würde es gefallen.
Hmm, eigentlich sollte sie ja hier aufräumen und nicht weiteren Unsinn stiften. Wahrscheinlich lag es an Daniels Tee. „Sandspuren“ schmeckte wirklich ausgezeichnet. Das rätselhafte Gewürz darin oder auch der beerige Geschmack nach Sommerwäldern und Unbekümmertheit machten offenbar übermütig. Sie hätte auch das Kissen nicht kaufen dürfen. Sie sollte das Haus bestimmt nicht noch voller machen. Aber wenn es möbliert vermietet würde, steigerte das Kissen ja gewissermaßen den Wert. Oder sie konnte es mit nach Berlin nehmen. Als Andenken.
Beim Gedanken an die Stadt rümpfte sie unwillkürlich die Nase. „Zurück zu was?“ hallte Daniels Stimme in ihr nach.
Unter ihrer Sohle klebte etwas. Sie bückte sich, bemerkte, dass sie Rinden- und Wachskrümel verstreut hatte. Unter dem Tisch lag noch etwas. Ein Zettel! Hennys Handschrift unter dem gewohnten „Rheumolin“-Werbeaufdruck. Erfreut goss Carly sich noch eine Tasse „Sandspuren“ ein und nahm Tee, Zettel und das neue Kissen mit in die Bibliothek. Dort machte sie es sich auf Jorams Wildgans bequem. Das Kissen war dabei sehr nützlich, ergänzte den hölzernen Rücken zu einem ausnehmend bequemen Sitz. Nach dem Putzen und der Fahrradtour tat es gut, die Füße hochzulegen.

„Ich habe eine Muschel gefunden“, sprachen Hennys Worte lautlos von dem Papier in ihrer Hand. Carly nahm einen tiefen Schluck. In der abendlichen einsamen Stille in der kleinen Bibliothek waren Hennys Gedanken so nahe, so lebendig, obwohl Henny längst Asche auf dem Friedhof war. Henny war nicht mehr da, aber was ihr durch den Kopf gegangen war, verlor ja dadurch nicht an Gültigkeit.
„Ich werde ihr Grab besuchen“, nahm sich Carly vor, „gleich morgen, ihr Blumen bringen.“
„Aber diese Muschel ist nicht nur irgendeine Muschel. Es ist eine Miesmuschel, wie die unzähligen, über die wir achtlos am Strand gelaufen sind. Die unter unseren Füßen zerbrochen sind. Oder in der Brandung. Oder an der Zukunft. Aber diese hier ist größer; sie muss stärker gewesen sein als die anderen und ein beachtliches Alter erreicht haben. Ihre Oberfläche trägt einen ungewöhnlichen tiefen und wechselvollen blauen Schimmer, wie der Himmel in der Abenddämmerung, unserer liebsten Tageszeit. Du sagtest einmal, diese Stunde wäre ein Spalt zwischen den Welten, der es einem erlaubt, sich hindurchzumogeln. Ich weiß nicht, in welche Welt du dich gemogelt hast, auf was für einer Reise du bist, aber für mich ist die Muschel ein Brief von Dir. Die Röhrenwürmer haben diese Zeichen darauf geschrieben, die deiner Handschrift entfernt ähnlich sehen, jedenfalls in der Dämmerung. Natürlich kann ich sie nicht lesen, doch darum geht es nicht. So gibt mir das Meer in deinem Namen zu verstehen, dass du nicht fort bist, nicht so weit fort, dass du mir nicht noch nahe bist…“
Deshalb also hatte Henny an ihrem Todestag diese Muschel in der Hand gehalten: weil sie zu ihr von Joram sprach. Wahrscheinlich hatte sie oft so gesessen, hatte gespürt, wie die Schale warm wurde in ihrer Hand.
Das Meer in Jorams Namen!
Hatte das Meer ihr, Carly, nicht auch in ihres Vaters Namen seine Stimme wiedergegeben? „Flieg, Fischchen!“ und die Geschichte vom frierenden Wassermann…
Und sie traute sich noch nicht einmal, dem Meer ins Auge zu sehen.
Das musste sich ändern.

Die Stille war auf einmal bedrückend. Sie holte sich ihren Laptop, schaltete ein. Orje hatte einen Kommentar auf ihrem Blog hinterlassen. Miriam auch.
„Es ist langweilig ohne dich. Orje ist langweilig ohne dich“, schrieb sie. „Wahrscheinlich werde ich auch bald verreisen, warum sollst nur du etwas erleben. Abenteuer, komplett mit Toten und Verschwundenen! Mal sehen, vielleicht hole ich unser altes Zelt aus dem Keller, schnappe mir irgendwen und fahre mal wieder nach Dänemark. Was meinst du, dieser schnuckelige Student, Julius hieß der, wär der nicht für so was zu haben…?“
Carly schüttelte lächelnd den Kopf. So war Miriam eben. Sollte sie sich irgendwann für einen bestimmten Mann entscheiden, würde dem bestimmt nicht langweilig.
In Orjes Kommentar lag mehr Ernst. „Berlin ist noch grauer ohne dich. Soviel Musik kann ich gar nicht machen, um das auszugleichen. Wie soll ich schlafen, wenn ich weiß, dass niemand mich mit einem unlösbaren Problem aus dem Bett klingelt oder einer nicht zu bewältigenden Portion Nudelsalat vor der Tür steht? Aber ich lese aus deinen Worten, das Naurulokki dir gut tut. Es klingt nach einem hellen, luftigen Ort, der manches leichter machen könnte Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Was hast du heute gemacht? Wer ist dir begegnet? Was hast du gefunden?“
Ach, Orje, Wahlbruder, bester Freund und Vertrauter! Auch seine virtuelle Gegenwart tat wohl.
Sie startete einen neuen Artikel und wusste dann doch nicht, womit sie den füllen sollte. Sie mochte Orje nicht erzählen, dass sie Jakobs Fischermütze trug, und nichts von Daniels rührend hochstehendem Haarbüschel. Nicht davon, dass jeder Baum, der im Wind gestikulierte, zu ihr von Thore sprach. Auch nicht, dass sie ein Kissen für Naurulokki mit einem Gefühl der Befriedigung gekauft hatte als ob sie sich dort für die Ewigkeit einrichten wollte.
„Anna-Lisa ist ein Lichtblick. Wir haben viel Spaß gehabt und dabei alles blank geputzt. Aber es ist nur der Staub weg. Es ist weiterhin alles voller Gedanken“, schrieb sie statt dessen. „Jorams, und Hennys, ganz lebendig. Und die Fragen, die man hier unter keinem Teppich einsperren kann, flattern frei herum wie Fledermäuse, in unsichtbaren Schwärmen, kriegen sich in die Haare und stoßen sich die Köpfe an der Decke. Ich kann sie nicht einfach mit einem Seidentuch einfangen und an die Luft setzen wie die Schwalbe.
Ich habe die Stimme meines Vaters wiedergefunden, und die geistert nun herum und sucht nach der meiner Mutter. Und ich war noch immer nicht bei Tag am Meer. Den richtigen Tag dafür muss ich noch suchen… genau wie die Bilder, die Henny irgendwo versteckt haben muss. Ich bin mir sicher, dass sie noch mehr gemalt haben muss als die paar, die hier an den Wänden hängen. Laut Synne hat sie nur ganz wenige verkauft, nur wenn sie Geld brauchte.“
Carly schloss den Computer. Da war noch etwas, das ihr keine Ruhe ließ.
„Das Meer gibt nicht alles zurück“, hatte Daniel gesagt und nicht geahnt, wie viel diese Wahrheit, so alt wie die Seefahrt, mit ihrem Leben zu tun hatte.
Wenn Joram wirklich ertrunken war, dann würde das vielleicht zum Teil erklären, warum sie sich Henny so nahe fühlte.
Das Meer hatte ihren Vater nie zurückgegeben. Um so mehr, so wusste sie plötzlich, musste sie herausfinden, was mit Joram geschehen war. Um Hennys Willen. Um Jorams Willen. Und für sich selbst.
Irgendwo musste sie ja einmal anfangen mit dem Beantworten der teppichlosen Fledermausfragen.

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11. Kellerschätze

Fragend blinzelte Carly die Zimmerdecke an. Was für Spinnweben in den Ecken! Auch die Lampe da oben war ihr fremd. Schön. Zart, aus Papier, mit Möwen darauf. Die musste Henny gezeichnet haben… Henny! Carly setzte sich auf. Jetzt wusste sie wieder, wo sie war. Gestern Nacht – nein, wohl eher heute morgen, als das freundliche Schweigen von Naurulokki ihr beim Aufschließen der Haustür entgegengekommen war, hatte sie auf diese Stille lauschen wollen und herausfinden, warum sie sich auf einmal so geborgen darin fühlte. Sie war in das Wohnzimmer gegangen und hatte sich auf das Sofa gesetzt, weil sie auf einmal so müde war, dass ihr die Treppe unüberwindbar schien.
Dann musste sie eingeschlafen sein. Ihre Jeans waren von den Knien abwärts immer noch nass, ihre Beine waren steif. Von dem erstaunlichen Zuhausegefühl von gestern war nur ein schwaches Echo geblieben. Kalt war ihr auch. Mühsam rappelte sie sich auf. Da half nur eins: eine heiße Dusche.
Sie kramte frische Wäsche aus ihrem Koffer, den sie noch nicht ausgepackt hatte, und stellte sich dankbar unter den dünnen, aber wunderbar heißen Strahl. „Dusche entkalken“ machte sie sich eine mentale Notiz.
Im Schrank neben dem Waschbecken fand sie saubere, zitronenduftende Handtücher. Dabei fiel ihr ein, dass sie demnächst nach der Waschmaschine suchen musste, falls es hier eine gab. Vermutlich im Keller. Die Wäscheleine hatte sie im Garten schon entdeckt.
Neben den Handtüchern lag ein Stapel ordentlich zusammengelegter Baumwollkleider. Die hatte Henny offenbar am liebsten getragen; ein ähnliches hing im Schlafzimmer über dem Stuhl. Carly hatte auf einmal keine Lust auf Jeans. Sie nahm das obere Kleid vom Stapel und probierte es an. „Klein, zierlich, ein bisschen wie du“, hatte Thore über Henny gesagt. Tatsächlich. Seine Erinnerung musste stimmen, denn das Kleid passte in Schultern und Taille genau, und dass es ihr fast bis zu den Knöcheln reichte war offenbar so gedacht. Es war sandfarben mit einem dezenten weißen Gräsermuster. Gemütlich! Sie konnte Henny verstehen, dass sie sich darin wohl gefühlt hatte.
„Kleider entsorgen“, hatte Thore aufgezählt als er überlegt hatte, was es hier zu tun gab. Entsorgen, was für ein Wort! Dieses hier würde sie behalten, und die anderen vielleicht auch. Henny hatte sicher nichts dagegen. Irgendwie passte es ihr nicht nur äußerlich.
Müde war sie immer noch, aber sie fühlte sich leicht. Das Kleid kam ihrer Stimmung entgegen. Sie war tatsächlich am Meer gewesen! Gut, wirklich gesehen hatte sie es noch nicht, aber gefühlt, gerochen, gehört. Sie war ihm begegnet: ihrem Traum und ihrem Alptraum.

Ein Tee weckte sie vollends. Dankbar spürte sie die Wärme im Magen. Anna-Lisa hatte allerdings recht, es gab besseren. Vielleicht würde eine Radfahrt in den Ort ihr gut tun. Die Tasse in der Hand trat sie auf die kleine Loggia hinaus. Es regnete immer noch, und wie! Die Luft roch himmlisch. Im Haus war es fast ein wenig stickig. Staubig. Sie erinnerte sich an die Spinnweben, die sie vorhin entdeckt hatte. Ein guter Tag für einen Hausputz. Dabei konnte sie gleich einen Überblick über die Bilder und Möbel gewinnen. Vielleicht rief Thore bald an. Sie musste endlich ihre eigentliche Aufgabe beginnen.
Das Schild stand immer noch an das Geländer gelehnt. Sie beugte sich darüber, hob es an. Gut sah es jetzt aus, frisch und freundlich. Sie fuhr mit dem Finger darüber, um die Farbe zu prüfen. Trocken. Aber was war das? Sie spürte eine Unebenheit an der Kante. Da steckte ein gefaltetes Stück Alufolie in einem Spalt, als hätte jemand sein Kaugummipapier dort versteckt. Vorsichtig zog sie es heraus, faltete es auseinander. Das Papier darin hatte angemoderte Stellen, aber sie konnte Jorams Schrift noch lesen.

„Ich bin nicht beleidigt, wenn du das Schild nicht aufhängen magst. Mach das nur, wenn du findest, es passt. Es ist nur so: als ich das Haus das erste Mal sah, wie es auf dem Hügel saß mit dem Reetdach, das nass und dunkel war vom Regen, und den weißen Wänden darunter und drumherum deine Blumen, alle weiß wie die Gischt und blau wie die Wellen, da musste ich an eine Lachmöwe denken, die gerade auf dem Meer gelandet ist. Weil sie auch so einen gegen das Weiß abgegrenzten dunklen Kopf hat. Naurulokki, das ist Finnisch für Lachmöwe. Ich finde, das ist ein guter Name für das Haus. Ich habe den Garten das ganze Jahr hindurch beobachtet und bemerkt, dass du wirklich nur weiße und blaue Blumen hast. Krokusse, Anemonen, Vergissmeinnicht, Hornkraut, Schleifenblumen, Margeriten, Rittersporn, Eisenhut, Glockenblumen, Astern… Das passt am besten zum Himmel und zum Meer, hast du mir später erzählt, und außerdem schenkt es dem Geist und der Seele Ruhe.
Ich finde immer Ruhe bei dir. Aber die Lachmöwe steht für Leichtigkeit und Heiterkeit, und die braucht es auch. Außerdem sind sie so zierlich und lebendig wie du. Ach ja, herzlichen Glückwunsch übrigens!“
Darunter Hennys Schrift: „Joram hat mir das an meinem Geburtstag frühmorgens vor die Haustür gelegt. Später kam er vorbei und brachte noch die Möwenköpfe für die Haustür. Wir haben beides zusammen angebracht und er hat mir passende Windbretter für die Giebel versprochen. Ich habe ihm erzählt, wie sehr mich die Pferdeköpfe anöden, jedes Haus hat sie, das ist so eintönig. Naurulokki, das braucht etwas Eigenes. Etwas Leichteres. Ja, Naurulokki, das passt! das ist der Name, den ich schon lange gesucht habe. Ein schöneres Geschenk hätte er mir nicht machen können. Niemand kennt mich so gut wie Joram. – Ob es wohl mit Nicholas eines Tages auch so gewesen wäre ?“
Wer, bitteschön, war denn nun wieder Nicholas? Hatte Henny auch einen Rory in ihrem Leben gehabt? Oder einen Orje? Carly faltete den Zettel behutsam zusammen, steckte ihn in die Tasche. Sie sah sich um. Es war ihr noch gar nicht aufgefallen, aber um das Haus herum blühten tatsächlich nur blaue Astern, Eisenhut und weiße Dahlien, weiße Rosen, letzte Blüten an einem blauen und einem weißen Schmetterlingsflieder. Keine Sonnenblumen, kein Mädchenauge, keine roten Rosen. Nur Blau und Weiß, wie der Himmel und das Meer.

Heute jedoch war der Himmel grau und schwer. Eine Bö trieb den Regen unter das Dach. Carly lehnte das Schild wieder gegen die Wand.
„Wollen wir das nicht gleich aufhängen?“ Jakob Hellmonds tiefe Stimme hinter ihr ließ sie herumfahren.
„Verzeihung, ich wollte Sie nicht erschrecken. Ist alles in Ordnung nach dem Abenteuer letzte Nacht?“ Er strahlte sie an. Ihr fiel auf, dass er seinen Bart gestutzt hatte. Das stand ihm gleich viel besser. Machte ihn jünger.
„Wunderbar. Danke noch mal.“
„Dafür nicht. Kommen Sie, das kann jetzt an seinen Platz!“ Unternehmungslustig hob er das Schild an.
„Es regnet doch so!“
„Na und?“ Er klemmte sich das Brett unter einen Arm und fischte mit der freien Hand in seiner Tasche, förderte eine Art Schiffermütze ähnlich seiner eigenen zutage und setzte sie ihr mit Schwung auf. „So! Kommen Sie!“
Carly musste lachen und folgte ihm durch das nasse Gras. Die Luft war wirklich herrlich. „Ich wollte eigentlich mähen“, fiel ihr ein.
„Nicht bei dem Wetter. Läuft nicht weg. Henny mochte es auch lieber wild.“ Er hatte etwas Mühe, die Kette in die Haken am Torbogen zu fädeln, die im Wind schaukelten. Schließlich hing das Schild wieder dort, wo es hingehörte. Ein seltsamer Stolz flackerte in Carly auf. Es sah einfach richtig aus. Nun lebte das Haus wieder, hatte seine Würde zurück.
Jakob Hellmond beobachtete sie. „Jetzt ist es wieder ein Zuhause“ sagte er zufrieden.
„Nicht für mich. Ich bin nur vier Wochen hier.“
„Sie sind JETZT hier, also ist es jetzt Ihr Zuhause. Man muss da zu Hause sein können, wo man ist. Joram ist daran zerbrochen, dass er das nie konnte. Außer vielleicht hier. Für Momente.“
„Was, glauben Sie, ist mit ihm passiert? Lebt er noch?“
Er schwieg einen Moment. „Das spielt nicht wirklich eine Rolle. Joram gehört zu den Menschen, die anwesend bleiben, selbst wenn sie nicht mehr da sind.“
Wie er das sagte, klang es so normal. Carly war sich komisch vorgekommen, weil sie im Haus ständig das Gefühl hatte, Joram und Henny wären gegenwärtig.
„Haben Sie Joram gut gekannt?“
„Niemand hat Joram gut gekannt. Niemand außer Henny. Aber er ist ein paar Mal mit mir auf den Bodden rausgefahren, auf dem Boot, frühmorgens. Er wollte den Wind in den Segeln hören, sagte er. Und Treibholz fischen. Vielleicht haben Sie ja auch mal irgendwann Lust?“
Der Bodden war nicht das Meer. Sie hatte es im Lexikon nachgeschlagen. Ein Bodden ist ein Küstengewässer, das durch Landzungen vom Meer abgetrennt und nur durch ein paar schmale Arme damit verbunden ist. Ahrenshoop lag auf so einer schmalen Landzunge zwischen Meer und Bodden. „Irgendwann sehr gerne“, sagte Carly. Es ging ja nicht, dass sie von Windjammern träumte und sich dann nicht einmal traute, auf einem simplen Fischerboot mitzufahren. „Aber erst muss ich mich um das Haus kümmern. Ich habe noch gar keinen richtigen Anfang gefunden. Überall stoße ich auf Geschichten. Ich komme mir vor wie ein Eindringling.“
Das war ihr so herausgerutscht. Komisch, so was sagte sie sonst nur zu Thore.
„Am besten im Keller“, schlug Jakob vor. „Da packt man die Geschichten gleich an der Wurzel.“
Erstaunt sah sie ihn an.
„Was ist? Als Seemann kenne ich mich mit Geschichten aus. Seemannsgarn, Sie wissen schon. Außerdem sind alle alten Häuser voller Geschichten. Ich habe schon oft eines ausgeräumt. Hier an der Küste hilft man sich bei so was.“
Carly zögerte.
Er sah sie verständnisvoll-belustigt an. „Soll ich mitkommen?“
Sie musste lachen. „Ich glaube nicht, dass Henny da eine Leiche versteckt hat.“
„Vielleicht gibt es ja etwas anderes, dass Sie raufgetragen haben möchten. Aber eine Bedingung hätte ich. Ich steige nur mit Leuten in Keller, die mich duzen!“
Seinem spitzbübischen Grinsen war schwer zu widerstehen. „Geht in Ordnung.“

Zurück unter dem schützenden Dach der Loggia nahm sie seine Mütze ab, reichte sie ihm. „Danke.“
Er wehrte ab. „Behalte sie. Die wirst du hier noch brauchen. Steht dir übrigens gut. Nimm es als Willkommengeschenk. Statt Salz und Brot. Mit so einer Mütze gehörst du ins Land.“
„Danke!“, sagte sie zum zweiten Mal und fragte sich, wie oft sie das noch zu ihm sagen würde im Laufe der Zeit.
Jakob ging ihr voraus, öffnete die kleine Tür am Ende des Flurs und stieg die schmale Treppe hinunter, fand den Lichtschalter. „Da muss eine Neue rein“, sagte er und beäugte kritisch die müde Glühbirne, die an einer nackten Fassung hing. „Henny kann den Keller auch nicht gemocht haben, sonst hätte sie nie so etwas Hässliches geduldet.“
Gemeinsam sahen sie sich um. „Uih!“ sagte Jakob.
Eine ganze Wand war von Stapeln aus Treibholz verdeckt. Wild durcheinander türmten sich dicke Äste, dünne Zweige, bizarre Wurzeln bis zur Decke.
„Jorams Vorrat“, stellte Carly fest.
„Und Hennys.“ Jakob zeigte auf eine andere Ecke, in der Eimer voller Sand, Kartons mit Pappröhren, alte Töpfe und Tüten mit Kieselsteinen standen. Seltsame Bündel verschieden langer Schnüre lagen auf einem Hocker und mit weißen Muscheln gefüllte Gläser leuchteten trotzig gegen die muffige Düsternis an.
„Ich dachte, sie hat gemalt? Wozu ist das alles?“
„Sie hat auch Kerzen gemacht. Wir haben alle Wachsreste für sie gesammelt, und daraus goss sie neue Kerzen. Frag Anna-Lisa, sie hat oft dabei zugesehen und mitgemacht.“
Er schob eine Kiste beiseite. „Hier ist was Nützliches!“
„Eine Waschmaschine! Dem Himmel sei Dank.“ Carly dachte an ihre Jeans von gestern und ihren begrenzten T-Shirtvorrat. Sie konnte ja nicht ausschließlich in Hennys Kleidern herumlaufen.
Joram drückte versuchsweise ein paar Knöpfe, öffnete die Tür und spähte hinein, prüfte den Wasserhahn. „Scheint in Ordnung zu sein. Wenn nicht, sag mir Bescheid.“
Carly betrachtete immer noch die Holzstapel. „Was um Himmelswillen soll ich mit dem ganzen Holz machen?“
„Frag Synne oder Elisa vom ‚Strandgut’. Kann sein, dass andere Künstler Interesse daran haben. Wenn nicht – ich werd mich mal umhören. Treibholz ist wunderbares Kaminholz. Macht bunte Flammen, wegen der Salze. Es wird sich bestimmt jemand finden. Jemand, der das selbst abholt und auch die Treppe raufträgt.“
Carly wanderte um die Stapel herum, fand in einem Winkel einige Marmeladengläser, von denen eines geplatzt war und einen interessanten Geruch ausströmte, und Konservendosen, die sich gefährlich nach außen wölbten. Vorsichtig suchte sie nach den Haltbarkeitsdaten. „Upps!“ Jakob nahm ihr eine aus der Hand. „Die nehm ich gleich mit, ehe sie dir hier unten um die Ohren fliegen. Ich hab noch Platz in der Tonne.“ Er fand eine alte Tüte, füllte sie behutsam mit den verdorbenen Vorräten.

„Hier ist noch was.“ Eine Zeltplane, auf der Schimmelflecken geheimnisvolle Landkarten malten, bedeckte einen großen unförmigen Gegenstand. Carly zog daran, musste niesen. „Warte!“ Jakob stellte die Tüte an der Treppe ab und kam ihr zu Hilfe. Gemeinsam schlugen sie die Plane zurück. Jakob pfiff leise durch die Zähne.
„Wahnsinn!“ flüsterte Carly.
Die Skulptur – oder war es ein Möbelstück? – war aus Holz, aber diesmal nicht aus Treibholz. Nichts daran war bizarr.
Glatt, geschwungen und anmutig stand die Form vor ihnen, den Hals stolz erhoben, den Kopf auf Carlys Augenhöhe. Das trübe Licht der Glühbirne, die im Zug von der offenen Tür her leicht schaukelte, ließ die Gestalt bewegte Schatten werfen. Es sah aus, als ob sie sich zum Starten sammelte. Gleich, beim nächsten Atemzug oder Lufthauch würde sie die Flügel strecken und sich in den Himmel schwingen. Der muffige Keller und das bedrückte Licht nahmen ihr keine Spur ihrer Würde.
Sie stand am Anfang einer Reise. Am Anfang einer Suche nach dem Ende des Windes.
„Nils Holgerssons Wildgans!“ sagte Carly andächtig. „Anna-Lisa hat erzählt, dass Joram ihr daraus vorlas, und dass er…“
Jakob strich über das mattglänzende Holz. „Joram. Ja. Joram Grafunder, der nie zuhause, der immer unterwegs war, und nie ankam. Zumindest innerlich.“
Carly trat näher heran. „Natürlich. Da ist ein Zettel!“ In Hennys Handschrift diesmal, größer geschrieben und in einer Plastikhülle, war er mit einem Stück Tesafilm auf den Rücken der Figur geheftet. Diese Mitteilung war dazu gedacht, gefunden zu werden.
„Das ist Joram Grafunders Gesellenstück. Er wollte es mir schenken, aber ich habe gesagt, ich bewahre es nur für ihn auf. Ich weiß, dass er daran hängt wie an keinem anderen Stück. Er behält nie etwas, lebt aus Kartons, mag keine Spuren seines Daseins ansammeln. Dieses Eine wenigstens soll seines bleiben.“
Die Gans war aus hellem und dunklem Holz zusammengefügt; es war die gleiche Technik wie bei dem Kreisel, der wohl dafür ein Probestück gewesen war. Gleichzeitig streckten Carly und Jakob eine Hand aus, um behutsam über die glatte Oberfläche zu streichen. Staub flog auf.
„Die darf hier unten nicht vergammeln“, sagte Carly entschieden.
„Henny wollte sie nicht benutzen, weil sie sie doch nur für Joram aufgehoben hat“, sagte Anna-Lisa von der Treppe her. „Da seid ihr also. Ich hab euch von draußen durch die Luke gehört.“
Sie kam herunter und strich der Gans zärtlich über den Hals. „Joram und ich wollten immer, dass sie sie benutzt. Sie ist nicht nur als Figur gedacht. Man kann draufsitzen, seht ihr, so…“ sie setzte sich rittlings auf den Rücken des beeindruckenden Vogels, legte die Hände auf dessen Kopf und stützte ihr Kinn darauf. „So kann man gut nachdenken, oder man sitzt so, zum Träumen“ – sie drehte sich um, lehnte sich bequem gegen den Hals und stützte die Füße auf die Schwanzfedern, „oder so“ sie lehnte sich gegen den einen halb erhobenen Flügel und legte die Beine auf den anderen; nun war es fast wie in einer Hängematte, „so kann sich gut ausruhen.“
„Ein geniales Design“, staunte Jakob.
„Wir bringen sie hoch, ja?“ Carly hob den Schwanz versuchsweise an. „Zum Glück ist das ziemlich leichtes Holz.“
Jakob fasste die Gans am Hals. „Na, dann. Vorsichtig.“
Sperrig war das Wunderwerk, aber Stück für Stück bugsierten sie es mit viel Manövrieren die enge Stiege hoch. „Ist ja wohl runtergekommen“, schnaufte Jakob, „dann kommt sie auch wieder hoch.“
Schließlich stand die Gans unverletzt im Flur, wo sie noch größer wirkte als im Keller.
„Hier kann sie nicht bleiben, da kommt keiner vorbei,“ stellte Jakob fest. „Überlegt euch was, ich hol noch die muffige Plane und die Mülltüte rauf.“
Carly sah sich im Wohnzimmer um. „Hier wäre Platz. Hier ist es eigentlich ziemlich kahl.“
„Nee.“ Anna-Lisa schüttelte heftig den Kopf. „Die muss in die Bibliothek. Zu den Büchern. Da haben Henny und Joram am liebsten gesessen. Und dann kann man da gleich drauf sitzen und lesen.“
„Das wird aber ziemlich eng.“
„Wir könnten den kleinen Tisch da rüber ins Wohnzimmer stellen, dann ist hier Platz. Zwei Tische braucht man hier nicht!“
„Ich glaube, du könntest meinen Job besser erledigen als ich. Das Haus aufräumen, meine ich“, sagte Carly, während sie das Tischchen aus der Bibliothek evakuierten.
„Ich kann dir ja helfen. Papa, komm, die Gans soll hier hin!“
Schließlich hatten sie die neuentdeckte Mitbewohnerin in der eine Ecke vor ein Bücherregal platziert, wo sie aus dem Fenster gucken konnte.
„Manchmal haben Joram und ich beide da drauf gesessen und er hat mir vorgelesen,“ sagte Anna-Lisa traurig.
„Das kann ich auch“, behauptete Jakob, nahm auf dem breiten Gänserücken Platz und zog Anna-Lisa auf seinen Schoß. „Gib mir ein Buch!“
Erfreut beugte sie sich vor und zog ein schmales Bändchen aus dem Regal. „Das hier, bitte!“
William Saroyan, „Ich heiße Aram“. Lange her, seit Carly das gelesen hatte, aber sie hatte es geliebt. Während Anna-Lisa sich zwischen den Flügeln der hölzernen Gans genussvoll gegen Jakob lehnte, rollte sie sich auf dem Sessel zusammen und lauschte auch. Er las von dem Großvater und seinem Enkel, die mitten in einer kalifornischen Wüste Granatäpfel anbauten. Sie kämpften einen aussichtslosen Kampf gegen Dürre und Schädlinge und verloren dabei ihre Ersparnisse, aber schließlich ernteten sie einige Granatäpfel. Es war ihr Traum gewesen, und sie hatten ihn sich erfüllt.
Während er las, schien es Carly, als verlöre seine Stimme an Tiefe. Plötzlich war es Thore, den sie hörte. Thore, der so oft am Ende eines Seminars eine Geschichte vorgelesen hatte. Dann war es auf einmal Tante Alissas Stimme in ihrem Ohr, Tante Alissa die tapfer aus der Archäologischen Zeitschrift vorlas, von Königsgräbern und Mumien, denn Kinderbücher hatte sie nicht und hielt auch nichts davon. Und dann auf einmal war es die Stimme ihres Vaters, die sie gestern am Strand gehört und bis dahin vergessen geglaubt hatte. Sie war wieder da, deutlich, irgendwo zwischen Thores hellerer und Jakobs tiefdunkler. Von Segelschiffen las er und von einem frierenden Wassermann.
„So!“ Jakob stand auf und scheuchte mit dieser entschiedenen Bewegung die Erinnerungen zwischen die Bücher. „Ich muss los, ich habe einem Ehepaar aus Stuttgart eine Zeesboottour versprochen!“
„Kann ich noch hier bleiben, Papa?“
Jakob sah Carly fragend an. „Wen sie dich nicht stört? Es sind halt noch Ferien…“
„Stört? Ich brauche sie dringend. Ich weiß nämlich nicht, wo der Staubsauger ist. Und der Staubwedel. Und womit man Holzmöbel behandelt!“
„Ich weiß“, sagte Anna-Lisa triumphierend und zog sie in den Flur. Dort wies sie auf eine unauffällige Tür unter der Treppe. „Da ist die Besenkammer.“
„Na dann viel Spaß!“ Jakob setzte seine Mütze auf.
„Ach, Jakob? Weißt du was für eine exotische Muschel das ist?“ Carly zeigte ihm die Muschel, die Henny an ihrem Todestag in der Hand gehalten hatte.
„Die ist nicht exotisch. Sie ist von hier. Eine Miesmuschel, allerdings eine besonders große und ungewöhnlich schöne.“
„Und die hellen Schnörkel darauf, die wie Schrift aussehen?“
„Das sind die Kalkgehäuse von Röhrenwürmern. Bis dann, ihr Beiden!“
Carly sah ihm nach, dann machte sie sich daran, mit dem Staubwedel die Spinnweben und vielleicht noch mehr Erinnerungen einzufangen, während Anna-Lisa die Gans mit duftendem Bienenwachs polierte, als könnte sie damit Joram heraufbeschwören.

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